Main Data
Author: Andreas Gaw
Title: Ein gut gemeinter Rat zum Morden Schweden-Krimi
Publisher: Piper Verlag
ISBN/ISSN: 9783492989183
Edition: 1
Price: CHF 5.40
Publication date: 01/01/2022
Content
Category: Detective stories, thrillers, espionage
Language: German
Technical Data
Pages: 240
Copy protection: Wasserzeichen
Devices: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Unfall oder Mord? Ein lustiger Schwedenkrimi voller Spannung zwischen Elchen und Köttbullar - Für alle LeserInnen von Jonas Jonasson  »?Und wo ist dein Man jetzt??, fragte ich. ?Er liegt draußen im Auto. Im Kofferraum.?, antwortete sie nüchtern. ?Kannst du ihn für mich verbuddeln??« Seit Vanessa und ihr Mann Chris, die in Deutschland finanzielle Probleme hatten, nach Schweden ausgewandert sind, scheint sich für das Paar alles zum Besseren zu wenden. Doch das Glück währt nicht lange. Die Ehe kriselt, und Chris wird zusehends gewalttätig. Eines nachts stürzt er die Treppe hinunter und bricht sich das Genick. Ein Unfall? Oder hat Vanessa ihn ermordet? Für einige ihrer Freundinnen wird Vanessa zur Heldin. Ein Vorbild für alle Frauen, die ihre Kerle loswerden wollen. Und unversehens gerät sie in einen Strudel aus Lügen, Gewalt und Mord ... »Wer Sinn für makabren Humor hat ist mit diesem Buch bestens bedient.« ((Leserstimme auf Netgalley))

Andreas Gaw ist Autor für Film, Funk und Fernsehen, für Bühne, Bücher und Bananen ... oder so ähnlich. Er arbeitete für die 'Harald Schmidt Show', entwickelte Anke Engelkes 'Ladykracher', war Headwriter der SAT 1 'Wochenshow' und diverser anderer TV Formate. Andreas lebt in Schweden und mag Köttbullar mit Lingon-Sylt.
Table of contents

1. Kapitel


Ich weiß wirklich nicht mehr, ob ich ihm den entscheidenden Schubs gegeben habe oder ob er von allein das Gleichgewicht verlor. Ich weiß auch nicht, ob ich ihn hätte festhalten können. Seine Arme packen, ihn irgendwie auf der obersten Treppenstufe halten. Ich habe es aber auch gar nicht versucht.

Stattdessen sah ich ihn fallen. Zum einen ging alles so schnell. Zum anderen sah es aus wie in Zeitlupe. Sein Oberkörper pendelte kurz vor und zurück, als er den Halt verlor. Seine Arme wedelten albern durch die Luft, als er versuchte, den Schwerpunkt zurück nach oben zu verlagern. Ein hektisches Hampelmännchen. Ohne Erfolg. Wie eine übergewichtige Schaufensterpuppe krachte mein Mann rücklings auf die Stufen. Er rollte sich nicht ab oder machte eine elegante Drehung, um seitlich aufzukommen. Nichts dergleichen. Er war ja kein Stuntman. Wahrlich nicht.

Chris donnerte einfach auf die Stufen und glitt dann, mit dem Kopf voran, auf dem Rücken liegend, die Stiege hinunter bis zum Flurfußboden. Doink, doink, doink. Stufe für Stufe. Wie der kleine dicke Mann aus Paulchen Panther, wenn er zum Beispiel hinter einem Laster hergezogen wird. Doink. Doink. Er dotzt ein paarmal auf und kommt dann irgendwann zur Ruhe. Obwohl Chris’ Hinterkopf jede Stufenkante mitgenommen hatte, bis der ultimative Aufprall auf den Flurdielen erfolgte, konnte ich von meinem Standpunkt oben am Treppenende keine Verletzung ausmachen. Kein Blut zu sehen, so wie er am Ende dalag, mit verdrehten Armen und Beinen. Ein Hundertvierzig-Kilo-Crashtestdummy. Fehlte nur der orangefarbene Overall.

Keine Ahnung, wie lange ich ihn von oben herab betrachtete. Chris war zwar ein paar Zentimeter kleiner als ich mit meinen einssechsundsiebzig, aber er hatte mir immer das Gefühl gegeben, dass ich zum ihm aufzuschauen hätte.

»Vanessa«, hatte er irgendwann mal zu mir gesagt, »Vanessa, Liebling, es kommt nicht auf die Körpergröße an, sondern darauf, was man im Köpfchen hat!«

Ich hätte ihm eine scheuern können.

Und dann hatte er besänftigend hinzugefügt: »Das war jetzt natürlich nicht auf dich bezogen.«

Von wegen. Ich bin zwar der Meinung, dass man anhand des Schulabschlusses (und ich hab immerhin Abitur, während Chris mit Hängen und Würgen die Mittlere Reife geschafft hat) keineswegs die Intelligenz ablesen kann, doch mein Gatte hatte nie eingestehen wollen, dass es Menschen gibt, die auch nur ein My (nach dem griechischen Buchstaben µ) gebildeter waren als er. Wenn ich bei Wer wird Millionär? eine Frage beantworten konnte, zu der Chris die Antwort nicht wusste, hieß es immer nur: »Das haste wohl gerade zufällig irgendwo gelesen, was?«

Und nun, als ich seinen leblosen Körper so daliegen sah, war er wirklich klein. Ein unförmiges Häufchen Torso, mit kurzen, fleischigen Extremitäten. Und das bezieht sich nicht nur auf seine Arme und Beine.

Eine Weile betrachtete ich fast teilnahmslos den kleinen dicken Mann da unten am Fuß der Treppe. Dann ging ich langsam die Stufen herunter. Ich forderte mich selbst auf, eine Gefühlsregung zu zeigen. Schock, Entsetzen oder Mitleid. Aber nichts dergleichen stieg in mir hoch. Da lag der Mann, mit dem ich fast zwanzig Jahre meines Lebens verbracht hatte, und ich konnte mir keine einzige Träne rausquetschen. Unten angekommen, ging ich auf Zehenspitzen vorsichtig um ihn herum. So, als ginge man über eine Kuhweide voller Kuhfladen und wolle es vermeiden, auch nur ein klitzekleines Stück Kuhkacke mit dem Fuß zu berühren.

Die kleinen Knopfaugen in seinem großen, fast kahlen Kopf waren weit aufgerissen. Ich hatte sein Gesicht schon immer irgendwie mit einer Comicfigur assoziiert, denn Mund, Augen und Knubbelnase waren dicht zusammen in die Mitte seines Antlitzes gedrängt, während Wangen, Stirn und Kinn sich als weites, freies Feld darstellten. Selbst bei Mr. Magoo, in der gleichnamigen Zeichentrick Serie, stimmten die Proportionen einfach besser. Ja, da lag er nun vor mir, mein toter Cartoon-Gatte.

Oder vielleicht war er gar nicht tot. In der Sekunde, als er fiel, war ich mir sicher, dass er den Sturz nicht überleben würde. Aber was, wenn doch? Dann müsste ich vielleicht einen Krankenwagen rufen. Andererseits, sollte er schon das Licht am Ende des Tunnels sehen und an der Grenze zu den ewigen Jagdgründen stehen, dann wäre er sicher schon längst beim Großen Häuptling im Himmel, wenn die Ambulanz irgendwann hier einträfe.

In Schweden dauert es mitunter Ewigkeiten, bis ein Rettungswagen zur Stelle ist. Insbesondere im Winter. Und insbesondere dann, wenn die Sanitäter gerade Kaffeepause, also fika, wie es auf Schwedisch heißt, machen, während der Notruf eingeht.

»Lugnt – immer mit der Ruhe«, würden Björn oder Mats oder wer auch immer sagen, und in aller Seelenruhe ihren starken, schwarzen Kaffee austrinken. Dann würde das Team zum Rettungswagen gehen, vielleicht einer der Helfer noch schnell mal austreten, und gemächlich und den Straßenverhältnissen entsprechend lostuckern. Vom Krankenhaus in Mora bis zu uns waren es gute zwanzig Kilometer.

Sollte Chris also schon halb über den Jordan sein, wäre ein Notruf vergebliche Liebesmüh.

Und wenn er doch nur schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt war? Wie findet man so etwas heraus? Meine Erfahrungen mit durch Treppenstürze hervorgerufenen Frakturen oder Ähnlichem hielten sich in Grenzen. »Vielleicht sollte ich mal seinen Puls fühlen«, kam mir mit Verzögerung der naheliegendste Gedanke.

Zaghaft griff ich nach Chris’ speckigem Handgelenk. Das fühlte sich zumindest schon mal recht leblos an. Einen Puls konnte ich nicht ertasten. Was aber nicht viel zu bedeuten hatte, denn ich war noch nie gut darin gewesen, einen Puls zu fühlen.

Als Michael, unser Sohn, sechs Jahre alt war, bat er mich, mal zu testen, wie oft sein Herz pro Minute schlagen würde. Ich sah auf meine Armbanduhr und fummelte lange an seinem Handgelenk herum, bis ich die Ahnung von einem Pulsschlag spürte. Dann wartete ich, bis der Sekundenzeiger auf der Zwölf war, und wollte mit dem Zählen beginnen. Und schon hatte ich den Puls wieder verloren.

»Wie es scheint, bist du tot«, sagte ich damals im Scherz. Michael rannte heulend aus dem Zimmer, und ich ärgerte mich, dass ich diesen, für Kinderohren eher unsensiblen Spruch losgelassen hatte. Jedenfalls: Puls am Handgelenk fühlen war nicht meine Spezialität.

An Chris’ Halsschlagader hatte ich aber auch kein Glück. Entweder war ich wirklich zu dämlich für derlei Aktionen, oder Chris war tatsächlich nicht mehr unter uns. Letzter Test. Pupillen. In diversen Arztserien im Fernsehen haben diverse Ärzte schon oft diversen Patienten mit diversen Taschenlampen in diverse Augen geleuchtet, um eine Pupillenreaktion zu erkennen. Das konnte also nicht so schwer sein. Ich ging durch den Flur, meinen Gatten zurücklassend, in die Küche und öffnete den eingebauten Vorratsschrank neben der Spüle.

Praktisch, diese alten Schwedenhäuser. Überall Wandschränke. Das fand ich schon immer gut. Neben einer Großpackung Spaghetti von »Willys Supermarket« fand ich unsere Maglite. Eine Riesentaschenlampe, für die man eigens eine Tasche kaufen müsste. Schwer, aber gut in der Hand liegend.

»Damit kannste locker wen erschlagen!«, fielen mir ironischerweise Chris’ Worte wieder ein, als ich mich mit der Monsterlampe über seinen leblosen Körper beugte. Knips an. Licht in die Augen. Keine Reaktion. Wild leuchtete ich in diverse Richtungen. Der Schatten seiner Nase an der Wand sah aus wie ein Indianerzelt. Aber Pupillenreaktionen gab es keine. Alles deutete darauf hin, dass der Sturz für ihn tödlich gewesen sein musste.

Ich legte die Taschenlampe auf die erste Treppenstufe, kniete mich neben Chris und streckte die Hand aus, um ihm ein letztes Mal sanft über die wenigen verbliebenen Haare zu streicheln. Er war sechsundvierzig, ein Jahr älter als ich, und, wie gesagt, fast völlig kahl. Allerdings lugte das fleischfarbene Ei damals bereits durch seine Wolle, als wir uns vor über zwanzig Jahren kennengelernt hatten.

Die Veranlagung zum Kopf-FFK war also schon lange da gewesen. Doch das hatte mich im Grunde nie gestört. Irgendwie stand ich sogar auf diesen Bruce-Willis-Typ. Allerdings nur, wenn auch das Gesicht charakterschwere, männliche Gesichtszüge aufwies. So war es bei Chris in seinen jungen Jahren. Mittlerweile aber waren die Charakterfalten...

 
Contact FAQ Conditions of use Legal informations Delivery conditions Privacy policy Copyright
All prices on this website are with Reservation.