Main Data
Author: Mareike Krügel
Title: Schwester Roman
Publisher: Piper Verlag
ISBN/ISSN: 9783492998376
Edition: 1
Price: CHF 10.40
Publication date: 01/01/2021
Content
Category: Contemporary literature (from 1945)
Language: German
Technical Data
Pages: 352
Copy protection: Wasserzeichen
Devices: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Zwei Schwestern, zwei Leben. Ein Unfall stellt die entscheidende Frage: Welches ist das richtige? Iulia lässt sich aufs Sofa ihrer Schwester fallen. Sie hat nicht allzu oft darauf gesessen, viel zu selten eigentlich. Wo ist sie in letzter Zeit gewesen, warum haben Lone und sie sich nicht viel öfter getroffen? - Die Antworten auf diese Fragen muss sie allein finden. Lone liegt nach einem Unfall im Koma, und Iulia ist gezwungen, einige ihrer Aufgaben als Hebamme zu übernehmen. Sie beginnt nachzudenken, über ihre Familie und die Männer, über Vertrauen und die gemeinsamen Erlebnisse - nicht zuletzt auch über das Leben, das sie selbst seit Jahren führt: als Frau des Pastors und Angestellte in einer Sparkasse. »Schwester« erzählt von dem schmerzlichen Abgleich zweier Leben und einer Heldin, die zunächst tastend, dann immer entschlossener ihren Weg sucht.

Mareike Krügel, 1977 in Kiel geboren, veröffentlichte bislang vier Romane und erhielt 2006 den Friedrich-Hebbel-Preis. Zuletzt erschien von ihr der Bestseller 'Sieh mich an', für den sie bei Kritik und Buchhandel höchstes Lob erntete.
Table of contents

1 | Mrs. Robinson


Bevor Iulia sonntags zum Gottesdienst ging, wusch sie sich die Haare. Pastorenfrauen saßen in der ersten Reihe, viele Menschen starrten ihnen auf den Hinterkopf, und ihrer sah jedenfalls nur mit frisch gewaschenem Haar wirklich ordentlich aus. Heute war selbst in der Kirche die hochsommerliche Hitze zu spüren. Aus den Bankreihen stieg der Duft von erwärmtem Holz auf. Wie immer war der Gottesdienst gut besucht, was vor allen Dingen an Niels lag, der jetzt am Ende des Orgelvorspiels seinen Auftritt hatte.

Vorhin hatte Iulia wie üblich einmal in der Sakristei vorbeigeschaut und war vor der Tür beinahe mit der neuen Chorleiterin zusammengestoßen. Die hatte ihr einen seltsam komplizenhaften Blick zugeworfen, einen Blick, der leicht verächtlichMänner sagte. Iulia hatte freundlich gelächelt. Sie war keine Komplizin in irgendeinem Frauen-Komplott, das den Männern die Weltherrschaft neidete. Niels war gerade dabei gewesen, sich sein Hemd auszuziehen, es war so heiß unter dem Talar. Dabei hatte er sonderbare Grimassen geschnitten. Die Chorleiterin musste sie ihm gezeigt haben. Es lockere die Gesichtsmuskulatur, hatte er behauptet. Iulia hatte nichts dazu gesagt und ihm einfach viel Glück gewünscht.

An Sonntagen beneidete sie ihren Mann. Seine Arbeitskleidung war festgelegt und ließ keinen Zweifel an seiner Rolle. Sie hingegen musste selbst entscheiden, welche Bluse, welche Hose, welche Schuhe angemessen waren und die richtige Botschaft aussandten. Die Botschaft sollte lauten: Ich bin keine typische Pastorenfrau, also kommt nicht und fragt, wann der christliche Handarbeitskreis sich trifft, aber ich weiß trotzdem, was sich beim Kirchgang gehört.

Für ihre Arbeit in der Bank gab es immerhin einen Dresscode, an den sie sich halten konnte und der sogar einer der Gründe gewesen war, weshalb sie sich damals für diese Ausbildung entschieden hatte. Jede Art von Ordnung war ihr verlockend erschienen. In ihrem Schrank hatte sie Kleidung für Beerdigungen, Theaterbesuche, Feiertage, sie hatte etwas fürs Kranksein, für Wanderungen, die Gartenarbeit. Und dann besaß sie noch einen kleinen Rest an Freestyle-Kleidung, aus dem sie ihre Gottesdienst-Outfits immer neu zusammenstellen konnte. Wenn sie sich dabei einmal vertat, kam die Rückmeldung zuverlässig bei Niels an: Herr Richter, Ihre Frau hatte aber einen ziemlich tiefen Ausschnitt letzten Sonntag.

Sie wünschte, es wäre ihr egal, was die Leute dachten.

Die Blicke, die sie auf ihrem Hinterkopf spürte, ignorierte sie, stattdessen konzentrierte sie sich auf ihren Atem. Inzwischen beherrschte sie alles, was im Gottesdienst erforderlich war – das Aufstehen, das Kopfsenken, das Händefalten –, quasi vollautomatisch, sodass sie die Zeit anderweitig nutzen konnte. Im Internet gab es Yogalehrerinnen, die nützliche Techniken erklärten, und Iulia war neuerdings fasziniert von den Möglichkeiten ihres eigenen Ventilationssystems. Wenn man es richtig anstellte, konnte man seine Pulsfrequenz verlangsamen, die Verdauung anregen, die Durchblutung des Gehirns verbessern – alles durch Atmung. Da sie an Schlafstörungen litt und seit einiger Zeit auch an unerklärlicher Reizbarkeit, war die Aussicht, durch simple Atemtechnik innere Ruhe herzustellen, verlockend. Also ergänzte sie damit ihre altbewährten Gottesdienst-Routinen. Die Ujjayi-Atmung konnte sie während des Orgelspiels praktizieren. Auch d

 
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