: Stephen King
: Sunset
: Heyne
: 9783641025311
: 1
: CHF 8.10
:
: Spannung
: German
: 496
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB/PDF
Wenn die Sonne untergeht, erwacht das Grauen ...
Was, wenn tödlicher Horror über einen hereinbricht oder Besessenheit und Gelüste alle Vernunft besiegen? Wozu der vermeintlich normale Mensch fähig ist, wenn sein Leben plötzlich eine unerwartete Wendung nimmt: Stephen King zeigt uns das, wie nur er es kann - in dreizehn neuen unheimlichen Geschichten, erstmals in einem Band gesammelt.

Dreizehn phantastische Geschichten über Menschen wie du und ich, deren gewohntes Leben urplötzlich auf den Kopf gestellt wird:

Richard wird der eigene Hometrainer zum Verhängnis. Anne bekommt einen Anruf von ihrem Mann - auf dessen eigener Totenfeier. Emily will nach einer Fehlgeburt vor dem Leben davonlaufen - und rennt buchstäblich in ihr Verderben. Monette erzählt einem »Taubstummen«, dass er die eigene Frau, weil sie ihn betrügt, am liebsten umbringen würde - was dieser offenbar wörtlich nimmt. Curtis wird von seinem rachsüchtigen Nachbarn in einem Plastikkabinenklo lebendig begraben. Bei Scott tauchen immer wieder Dinge von Opfern der Anschläge vom 11. September auf, Dinge, die er einfach nicht loswird. John wird Zeuge, wie in einer Raststättentoilette eine Frau verprügelt wird - und greift viel brutaler ein, als er es sich selbst zugetraut hätte.

Der »Handwerker des Schreckens« (»Süddeutsche Zeitung«) hat wieder alle Register seines Könnens gezogen. Wie bei seinen Romanen beweist Stephen King auch hier, dass er ein unnachahmlicher Geschichtenerzähler ist - ein wahrer Meister der Kurzgeschichte.

Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Bislang haben sich seine Bücher weltweit über 400 Millionen Mal in mehr als 50 Sprachen verkauft. Für sein Werk bekam er zahlreiche Preise, darunter 2003 den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk und 2015 mit dem Edgar Allan Poe Award den bedeutendsten kriminalliterarischen Preis fürMr. Mercedes. 2015 ehrte Präsident Barack Obama ihn zudem mit der National Medal of Arts. 2018 erhielt er den PEN America Literary Service Award für sein Wirken, gegen jedwede Art von Unterdrückung aufzubegehren und die hohen Werte der Humanität zu verteidigen.

Seine Werke erscheinen im Heyne-Verlag.

WILLA


Du siehst nicht mal, was du direkt vor Augen hast, hatte sie gesagt, aber manchmal sah er es doch.Wahrscheinlich war ihre Häme nicht ganz unverdient, aber völlig blind war er auch nicht. Und während das Abendrot über der Wind River Range zu bitterem Orange verglomm, blickte David im Bahnhof umher und sah, dass Willa fort war. Er sagte sich, dass er sich da nicht sicher sein konnte, aber das war nur sein Kopf – das flaue Gefühl im Magen war sich sicher genug.

Er machte sich auf die Suche nach Lander, der sie ein bisschen mochte; der gemeint hatte, sie habe Mumm, als Willa sagte, es sei eine Sauerei von Amtrak, die Leute hier so hängenzulassen. Viele von ihnen konnten sie nicht leiden, ob Amtrak sie nun hängenließ oder nicht.

»Hier riecht’s nach feuchtem Keks!«, rief Helen Palmer ihm zu, als David vorbeikam. Sie hatte zu der Bank in der Ecke gefunden, wie sie es schließlich immer tat. Die Rhinehart wachte im Moment über sie, was dem Ehemann eine kleine Atempause verschaffte, und sie lächelte David zu.

»Haben Sie Willa gesehen?«, fragte David.

Die Rhinehart schüttelte den Kopf, immer noch lächelnd.

»Es gibt Fisch zum Abendessen!«, schimpfte Mrs. Palmer. Ein Kranz blauer Adern pochte an ihrer Schläfe. »Auch das noch!«

»Pscht, Helen«, sagte die Rhinehart.Vielleicht hieß sie Sally, aber an so einen Namen, dachte David, hätte er sich erinnert; es gab heutzutage zu wenig Sallys. Jetzt gehörte die Welt den Ambers, Ashleys und Tiffanys. Willa war auch so eine aussterbende Spezies, und allein schon bei dem Gedanken wurde ihm wieder flau im Magen.

»Feuchter Keks!«, fauchte Helen. »Dreckige alte Penner!«

Henry Lander saß auf einer Bank unter der Uhr. Er hatte den Arm um seine Frau gelegt. Er blickte auf und schüttelte den Kopf, noch ehe David fragen konnte. »Sie ist nicht hier. Tut mir leid. Nur mal eben in die Stadt gegangen, wenn Sie Glück haben. Endgültig auf und davon, wenn nicht.« Er mimte eine Anhaltergeste.

David glaubte nicht, dass seine Verlobte auf eigene Faust gen Westen trampen würde – absurde Vorstellung –, aber dass sie nicht hier war, das glaubte er wohl. Hatte es eigentlich schon gewusst, bevor er die Anwesenden zählte, und eine Verszeile aus einem alten Wintergedicht kam ihm in den Sinn: ein Schrei der Trennung, Abwesenheit im Herzen.

Der Bahnhof war eine enge hölzerne Kehle, in der die Leute entweder ziellos auf und ab wanderten oder auf den Bänken unter den Neonlampen saßen. Die Schultern derer, die saßen, wiesen jene typische Schlaffheit auf, die man nur an Orten wie diesem sah, wo die Leute darauf warteten, dass das, was auch immer schiefgegangen war, wieder in Ordnung kam, damit die unterbrochene Reise fortgesetzt werden konnte. Nicht viele Leute begaben sich absichtlich an Orte wie Crowheart Springs,Wyoming.

»Laufen Sie ihr bloß nicht hinterher, David«, sagte Ruth Lander. »Es wird schon dunkel, und da draußen gibt’s jede Menge Viechzeugs. Und nicht nur Kojoten. Dieser Buchhändler mit dem Hinkebein sagt, dass er auf der anderen Seite der Gleise Wölfe gesehen hat, drüben bei den Güterwagen.«

»Biggers«, sagte Henry. »So heißt er.«

»Von mir aus kann er Jack D. Ripper heißen«, sagte Ruth. »Ich meine nur, wir sind hier nicht mehr in Kansas, David.«

»Aber wenn sie doch …«

»Sie ist weg, als es noch hell war«, sagte Henry Lander, als würde das Tageslicht einen Wolf (oder einen Bären) davon abhalten, eine einzelne Frau anzufallen. Konnte ja sein, was wusste David schon. Er war Investmentbanker, nicht Wildhüter. Ein junger Investmentbanker obendrein.

»Wenn der Ersatzzug kommt und sie nicht da ist, wird sie ihn verpassen.« Dieses simple Faktum schien ihnen nicht in den Kopf zu wollen. Es griff einfach nicht, wie es in dem gängigen Jargon seines Büros in Chicago heißen würde.

Henry hob die Augenbrauen. »Meinen Sie, dass es irgendwie besser ist, wenn Sie ihn beide verpassen?«

Wenn sie ihn beide verpassten, könnten sie entweder einen Bus nehmen oder zusammen auf den nächsten Zug warten. Das mussten Henry und Ruth Lander doch einsehen. Oder vielleicht auch nicht.Was David vor allem sah, wenn er sie anblickte – was er direkt vor Augen hatte –, war jene seltsame Mattigkeit, die mitten im Nirgendwo festsitzenden Leuten vorbehalten war. Und wer machte sich schon etwas aus Willa? Wer außer Dav