Main Data
Author: Jen Mouat
Title: Der Sommer der Freundinnen Roman
Publisher: Piper Verlag
ISBN/ISSN: 9783492601733
Edition: 1
Price: CHF 9.00
Publication date: 01/01/2022
Content
Category: Contemporary literature (from 1945)
Language: German
Technical Data
Pages: 464
Copy protection: Wasserzeichen
Devices: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents
Als Kate von ihrer alten Schulfreundin Emma eine verzweifelte Mail bekommt, zögert sie keinen Augenblick. Sie kehrt zurück ins malerische Hafenstädtchen Wigtown im Süden Schottlands, aus dem heftiger Liebeskummer sie einst vertrieb. Hier sitzt Emma völlig am Boden zerstört in einer feuchten Scheune, aus der sie eine Buchhandlung machen will. Großzügig bietet Kate ihr an, ihr den Sommer über zu helfen ...

Jen Mouat wurde in Edinburgh geboren und verliebte sich schon als kleines Mädchen in Bücher. Damals schrieb sie Geschichten, die sie in einem Koffer unter dem Bett versteckte. Sie studierte Illustration und Druckgrafik und arbeitete als Lehrerin an der Grundschule. Heute lebt die Autorin mit ihrem Mann und ihrem Collie in der Nähe von Edinburgh. Die Erinnerung an wunderbare Sommer, die sie selbst als Kind an der wildromantischen Küste Schottlands erlebte, inspirierten sie zu ihrem ersten Roman um zwei Freundinnen und einen Buchladen.
Table of contents

1


Der moderige Geruch von alten Büchern stieg Kate in Nase und Kehle, als sie über die Türschwelle trat. Es war diese eigentümliche Mischung aus Feuchtigkeit und Staub, die ihr entgegenschlug, doch sie fand den Geruch nicht wirklich unangenehm. Sie hatte die kleine Buchhandlung nicht sofort gefunden – ein altes Haus aus Stein, das von Wigtowns Hauptstraße ein wenig nach hinten versetzt in einer schmalen Seitengasse lag, an der sich andere Lädchen dicht aneinanderdrängten. Ein enger Weg mit Kopfsteinpflaster schlängelte sich durch dichte, wild wuchernde Büsche. Auf den ersten Blick wirkte die Buchhandlung wenig einladend, vor allem, wenn man sie durch einen Vorhang aus Nieselregen und dem grauen Solvay-Nebel sah. Ein abblätterndes handgemaltes Schild wies den Weg zu einer Scheune voller Bücher, deren Inneres durch die schmutzigen Scheiben fast nicht zu erkennen war. Vollgestopfte wackelige Metallregale, die bis an die Decke ragten, und Tische, auf denen sich Bücherhaufen bedrohlich auftürmten, schienen den Raum ohne jeden Sinn und Verstand zu füllen: kostbare Wörter, die wahllos aufeinandergestapelt waren.

Mitten in dieses heillose Durcheinander trat nun Kate Vincent, die gerade einen Flug über den Atlantik hinter sich hatte. Sie war noch müde und benommen von der Reise, und als sie sich jetzt in der heruntergekommenen Buchhandlung umschaute, fragte sie sich mit einem Mal, was sie eigentlich hier machte.

Hinter dem alten Ladentresen saß Emily Cotton in einem dicken Zopfpulli. Um den Hals hatte sie sich einen feinen Strickschal in Pink und Gold geschlungen, der nicht so recht dazu passen wollte. Kate erinnerte sich noch gut an diesen Schal – sie hatte ihn vor einigen Jahren für Emily gemacht und über den Atlantik geschickt, in der Hoffnung, eine Freundschaft wiederaufleben zu lassen, die schon lange vorbei war. Als Antwort erhielt sie eine höfliche Dankeskarte – Emily war gut erzogen –, und das war ihr letzter Kontakt gewesen.

Bis zu der E-Mail.

Emilys dunkler Haarschopf war über ein Buch gebeugt, ihre Lippen bewegten sich beim Lesen mit. Sie war so blass, als ob sie schon seit Wochen nicht mehr an die frische Luft gekommen wäre, und unter ihren Augen, die nun – ob der unerwarteten Störung – träge und ein wenig erschöpft aufblickten, lagen blaue Halbmonde. Ein zaghafter Sonnenstrahl bahnte sich seinen Weg durch die Wolken und erhellte für einen Moment ihr Gesicht, als sie Kate jetzt wie eine Erscheinung anstarrte. Er ließ ihre störrischen Locken kupferfarben aufleuchten, und in ihren grauen Augen lag plötzlich ein fliederfarbener Glanz.

Nach einem Moment der Überraschung folgte ein freudiger Aufschrei, mit dem sie von ihrem Hocker aufsprang und ausrief: »Kate, du bist gekommen! Du bist wirklich gekommen!«

Seit der verzweifelten E-Mail, die unter dem Einfluss einer Flasche Merlot geschrieben und abgeschickt worden war, war ein Monat vergangen. Es war ein Hilferuf gewesen, eine flehentliche Bitte an ihre beste Freundin aus der Schulzeit. In jener Nacht hatte Emily nicht mehr ein noch aus gewusst, und der Rotwein und die Verzweiflung hatten sie ermutigt, nach dem letzten Strohhalm zu greifen, den sie noch hatte: Kate. Sie hatte ihre alte Freundin um Hilfe gebeten bei diesem überstürzten Unterfangen, das offenbar die schlechteste Idee seit Langem gewesen war – zumindest ließen es ein abgrundtiefer Weltschmerz und die Flasche Merlot so erscheinen. In besseren Augenblicken war es ihr mehr wie ein schöner Traum vorgekommen. Ein Traum, den sie gehabt hatte, solange sie denken konnte. Denn ihr großartiger, wenn auch nicht völlig durchdachter Plan war es, eine Buchhandlung in einem Städtchen zu haben, das für seine vielen Buchläden bereits berühmt war.

Seit einigen Monaten war Emily tatsächlich die Besitzerin einer Buchhandlung – mit Brief und Siegel –, doch angesichts der ungeheuren Größe der vor ihr liegenden Aufgabe und ihres völligen Mangels an Geschäftserfahrung und, wie sie inzwischen vermutete, generell an Klugheit – benötigte sie dringend Hilfe. Zumal es so aussah, als ob ihr ganzes Leben gerade den Bach runterging. Wenn man es genau nahm, war sie gar nicht in der seelischen Verfassung, um ein Wagnis wie die Verwandlung einer völlig heruntergekommenen Scheune in eine Buchhandlung auf sich zu nehmen. Seit Wochen hatte sie nun zwischen Freude und Verzweiflung hin- und hergeschwankt und alle dringend erforderlichen Arbeiten immer wieder hinausgeschoben. An den meisten Tagen wanderte Emily niedergeschlagen durch den kalten Laden, stellte ein paar Bücher von einem Regal in ein anderes oder vergrub sich für ein paar Stunden in einen Roman.

Sie war nicht in der Lage, irgendwelche Entscheidungen zu treffen – selbst die einfachsten fühlten sich zu schwierig an. Angst und die Erwartung, zu scheitern, lähmten sie, ihre einstige Entschlossenheit hatte sich in Luft aufgelöst. Ein Grund dafür war Joe, der ihr unablässig im Kopf herumspukte und sie daran erinnerte, was für ein kläglicher Versager sie war.

Und jetzt war das Unglaubliche passiert. Kate war gekommen, und Emily wusste instinktiv, dass nun alles gut werden würde.

»Du bist tatsächlich gekommen!«, sagte sie noch einmal, wobei ihre Stimme zu einem ungläubigen Flüstern wurde, als ob sie es immer noch nicht fassen konnte, dass ihre Freundin wirklich vor ihr stand. Vielleicht war sie aus purer Verzweiflung schon verrückt geworden und bildete sich das alles nur ein. Und wenn dem so war, dann war sie tatsächlich so übel dran, wie ihre Familie immer sagte.

Emily schlang die Arme um Kate und spürte den unwiderlegbaren Beweis von der Existenz ihrer Freundin, atmete ihr Parfüm und den Duft der frisch gewaschenen Haare ein – nur Kate konnte nach einem langen Flug so gut aussehen und riechen. Die alte Eifersucht meldete sich zurück, und sie schob das Gefühl hastig beiseite; sie wollte nicht an ihr schlimmstes Selbst erinnert werden.

Kate schloss die Augen, als sie jetzt die Umarmung ihrer Freundin erwiderte, und versank in Erinnerungen, die kristallklar und nicht durch die geringsten Enttäuschungen oder Schuldgefühle getrübt waren. Die impulsive wilde Umarmung, mit der ihre Freundin sie fast zerquetschte und die für Emily und ihre ganze warmherzige Familie so typisch war, ließ die Befangenheit des ersten Wiedersehens nach so langer Zeit verschwinden, auch wenn sie fast in Emilys Lockenmähne zu ersticken drohte und die Freundin ihr unbeholfen auf die Zehen trat. Sechs Jahre lang hatten sie sich nicht umarmt – oder auch nur gesehen. Und nun war mit einem Mal alles wie immer.

»Natürlich bin ich gekommen, was dachtest du denn«, sagte Kate, als sie sich schließlich sanft aus der Umarmung befreite. Sie hielt Emily auf Armeslänge von sich und betrachtete sie prüfend. »Ich wurde nämlich dringend herbeigerufen.« Sie hob eine Augenbraue und grinste.

Emily wurde ein wenig verlegen, als ihr die mit Superlativen überladene E-Mail wieder einfiel, die sie in völlig betrunkenem Zustand verfasst hatte. Verstohlen musterte sie die Freundin. Mit ihrem eleganten marineblauen Satinkleid, das mit Vogelmotiven bedruckt war, war Kate nicht gerade passend angezogen für eine schottische Kleinstadt, in der es auch im Sommer regnete. Emily bestaunte die hauchdünnen marineblauen Strümpfe und die grauen Wildlederstiefeletten, an denen nun Erde und Schmutz vom Weg hafteten. Kate strich sich ihr Haar zurück, das sich wie ein seidig schimmernder goldener Fächer auf ihren Schultern ausbreitete, und lächelte ihr ein perfektes Lächeln.

Emily starrte fasziniert auf den rosaroten Lipglossmund ihrer Freundin und lächelte nervös zurück, während sie sich auf ihre rissigen Lippen biss, die blass und völlig ungeschminkt waren. Einen Moment war sie völlig überwältigt, dann fing sie sich wieder, trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Sophisti-Kate«, sagte sie ironisch – ein alter Spitzname, den Kate bekommen hatte, nachdem sie sich als junges Mädchen vom hässliche Entlein zum schönen Schwan mauserte. »Elegant wie immer. Ehrlich, ich habe nicht gedacht, dass du kommen würdest.« Die Hochachtung in ihrer Stimme verriet, was Kates Anwesenheit für sie bedeutete. Was war das nur für eine Schnapsidee gewesen, eine heruntergewirtschaftete Buchhandlung zu kaufen und renovieren zu wollen – aber dann, am absoluten Tiefpunkt ihres Lebens hatte es nur eine E-Mail gebraucht, die sie...

 
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