Main Data
Author: Tatjana von der Beek
Title: Die Welt vor den Fenstern Roman
Publisher: Ecco Verlag
ISBN/ISSN: 9783753000633
Edition: 1
Price: CHF 14.10
Publication date: 01/01/2022
Content
Category: Contemporary literature (from 1945)
Language: German
Technical Data
Pages: 256
Copy protection: Wasserzeichen
Devices: PC/MAC/eReader/Tablet
Formate: ePUB
Table of contents

Eine Familie, die sich ihre eigene Welt in einem einzigen Haus erschaffen hat - bis eine von ihnen an deren Grenzen stößt

Abgeschi den von der Außenwelt lebt die junge Maia mit ihrer Familie in einem großen Haus im Wald, das niemand je verlässt. Das Familienleben folgt seiner ganz eigenen Logik - alle haben ihre Aufgaben und folgen einem strengen Regelwerk, das von der Geschichte ihrer Vorfahren und dem Wissen über Astronomie geleitet wird. Die Sterne geben den Familienmitgliedern Namen und bestimmen in ihrer Konstellation auch das Zusammenleben. Doch Maia genügen die Geschichten irgendwann nicht mehr. Ist die Welt da draußen wirklich so gefährlich, wie es ihr seit ihrer Geburt gesagt wurde? Als die Älteren sich immer sonderbarer verhalten, hinterfragt sie zunehmend die Grenzen des Hauses und der Geschichten ...


»Märche haft und beklemmend.« Die Presse



Tatjana von der Beek, geboren 1993, lebt und arbeitet in Düsseldorf. Sie studierte Literarisches Schreiben und Lektorieren in Hildesheim, war Mitherausgeberin der BELLA triste, Teil der künstlerischen Leitung des Literaturfestivals PROSANOVA 2017 und Finalistin des 23. Open Mike. Sie hat bereits in mehreren Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Die Welt vor den Fenstern ist ihr Debütroman.
Table of contents

EINS


Wenn ich an das Haus denke, fällt mir zuerst die Stille ein. Die Geräuschlosigkeit ergab ein Rauschen, nur gebrochen vom Wind, der gegen die Fenster presste. Manchmal hörte man den Holzboden, wenn Körper sich auf ihm bewegten. Der Boden knarrte, wenn jemand die obere Etage entlanglief. Ab und zu das Klappern von Tellern dazu, das Ausschlagen von Stoffen oder das Knacken von Tante Wegas Fingern. Ich glaube, dass ich das Geräusch von Wegas Fingern eine Weile dem Holzboden zuordnete. Ich stellte mir vor, wie jemand auf eine Bohle trat, die sich knackend gegen die beiden angrenzenden schob. Erst später kam das Bild dazu, wie Tante Wega einen Finger nach dem anderen zu ihrem Handgelenk drückte. Manchmal, wenn der Finger – in die eine Richtung gebogen – kein Geräusch von sich gab, dehnte sie ihn in eine andere. Wenn er auch dann nicht knackte, schüttelte sie die Hände aus und probierte es noch einmal mit mehr Druck und zusammengezogenen Augenbrauen. Wenn man Wega fragte, ob ihr das nicht wehtat, schüttelte sie heiter den Kopf, sodass ihre Locken sprangen.

Ich mochte Tante Wegas Warmherzigkeit und dass sie mich immerzu auf ihren Schoß bat, als Mutter es nur noch selten tat. Wenn ich einen Raum betrat, in dem sich Wega aufhielt, klopfte sie auf ihre Schenkel, sobald sie mich sah, oder warf mir die Arme entgegen. Nur wenn die Nacht den Tag ablöste, bekam Wega etwas Angsteinflößendes, Entrücktes. Ihre Augen wurden stumpf, wenn sie in den Sternenhimmel gesehen hatte, und ich ließ mich nicht mehr gern von ihr in den Arm nehmen. Sie schien außerdem plötzlich nicht mehr zu hören, was um sie herum geschah. Es war, als verlöre sie jeden Bezug zu uns.

Obwohl ich Wega selten im Haus begegnete, ist sie in meinen Erinnerungen sehr präsent. Beinahe vordergründiger als Mutter, die abwesend für mich blieb, selbst wenn sie bei mir war. Dieses Gefühl war nicht immer da gewesen. In den verwaschenen ersten Lebensjahren hatten sich Mutters Kreise nie weit von mir entfernt. Wenn ich auf den Arm wollte, musste ich mich nur an ihre Waden lehnen, die sich meist in unmittelbarer Nähe befanden. Zwischen der Berührung meiner Hand mit Mutters Bein und der Berührung von Mutters Hand mit meinem Kopf lag kaum ein Augenschlag. Sie kraulte mich, wenn sie noch ein Gespräch beendete. Ihr Kraulen war mechanisch, manchmal fast grob, aber es vermittelte mir das Gefühl, dass sie mich registriert hatte. Ich wartete geduldig, denn ich wusste, dass sie sich bei nächster Gelegenheit zu mir herunterbeugen würde. Ich kann mir nicht erklären, weshalb ich dennoch einige Jahre später anfing, mich völlig verloren zu fühlen, mutterseelenallein, als würde weder der Weg von Mutter noch einer der anderen dem meinen gleichen, als wäre mein Weg bestimmt dazu, abseits zu laufen. Ich begann früh, mich zu fragen, ob ich hergehörte; ob der Platz im Haus ausreichen würde für die Distanzen, die sich zwischen mir und Mutter aufbauten.

Es häuften sich Situationen wie jene, in der ich auf dem Sofa saß und einen Keks von einem Teller aß, während Mutter mit dem Rücken zu mir am Esstisch im Wintergarten Platz nahm. Als ich den Keks aufgegessen hatte, stand ich auf und lief zu ihr hinüber, aber genau in dem Moment, in dem ich am Tisch ankam, nahm Mutter den letzten Bissen von ihrem eigenen Keks und erhob sich. Ich verpasste sie, und sie verpasste mich. Manchmal fühlte es sich an, als stieße mich das Gefüge im Haus vor seine Mauern, doch mich umgaben immer nur die Wände, die ich nicht durchdringen konnte.

An vielen Tagen sah ich Mutter nur morgens, wenn sie mich aus dem Bett holte, bei

 
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