: Anika Mehner
: Ausstieg in Fahrtrichtung jetzt
: Books on Demand
: 9783695797523
: 1
: CHF 4.40
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 364
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Nach ihrer überstürzten Flucht aus dem Elternhaus glaubt die 16-jährige Rebekka, ihr Leben endlich selbst in die Hand nehmen zu können. Über ein Jahr lang lebt und arbeitet sie bei einer Großfamilie in einem slowakischen Freilichtmuseum. Doch erst nach ihrer Rückkehr in die Heimat begreift Rebekka, was Freiheit und Verantwortung wirklich bedeuten.

Wald


Im prasselnden Feuer knackte das Holz. Glühende Funken stoben in die Luft, tanzten und erloschen. Alles war friedlich und still. Die Abenddämmerung wich der hereinbrechenden Nacht. Im Tal erstrahlten die Lichter des Dorfes. Ein leichter Wind trug den Glockenklang aus dem Kirchturm bis hinauf in die Berge. Wie Mäntel breiteten die hohen Nadelbäume ihre schwarzen Schatten über das lange, weiche Gras aus.

Rebekka legte Zweige nach. „Gefällt es dir hier?“, fragte sie, die Augen auf die lodernden Flammen gerichtet. „Verrückt, wie leicht und schnell wir hierhergekommen sind, was? Vier Tage ist es jetzt her.“

Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. „Weißt du, woran ich mich gerade erinnere? An den Tag, an dem wir zum ersten Mal so etwas gemacht haben. Klar, damals war das natürlich eine viel kleinere Nummer. Aber hey, es war ein Anfang. Ein erster Schritt.Der erste Schritt. Und du warst dabei.“

Liebevoll schaute Rebekka zu ihrer Linken. „Ich weiß, ich bin sechzehn. Ich sollte allmählich aufhören, mit Kuscheltieren zu reden. Und nicht mehr so tun, als ob du lebendig bist.“ Ihr Blick wanderte wieder zu den Flammen. „Aber du bist mein Freund. Einer der besten, die ich jemals hatte. Du hast nie über mich gelacht. Du hast mir immer zugehört. Du warst so tapfer, wenn meine Eltern dich weggesperrt haben, um ihren Willen durchzusetzen. Und du hast Tränen getrocknet. So unendlich viele Tränen.“

Das flackernde Feuer spiegelte sich auf dem grünen, fröhlichen Gesicht aus Plüsch.

„Na komm, Quaki.“ Rebekka fasste den Frosch unter den Armen, setzte ihn auf ihren Schoß und streichelte seinen Kopf.

„Leise, Quaki!“, flüsterte Rebekka. „Sie dürfen uns nicht bemerken.“ Hinter einer Fichte suchte das Mädchen Deckung. Das Plüschtier lugte in den Wald.

„Wie viele sind es?“

„Fünfzehn. Plus Anführerin“, sagte Quaki.

„Die Anführerin ist die Schlimmste“, erklärte Rebekka. „Wenn sie nicht so groß und stark wäre, hätte ich sie schon längst besiegt.“

„Wie ist der Plan?“, wollte der Frosch wissen.

„Ein Ablenkungsma... äh … wie heißt das gleich nochmal?Mamöfa?Malöwa? Egal. Wir werfen einen Stein in den Busch. Das raschelt. Frau Otto schaut nach, was da so raschelt und in der Zwischenzeit befreien wir die Gefangenen.“

„Ja. Gut. Genau so machen wir es“, stimmte Quaki zu.

Rebekka suchte den Boden nach einem Stein ab. „Es gibt nur Zapfen. Aber die rascheln auch, wenn man sie in den Busch wirft.“ Sie suchte einen besonders großen Zapfen und zielte.

„Was spielst du?“, erklang hinter ihr die Stimme eines Jungen.

Erschrocken drehte sich Rebekka um. Es war Tobias.

„Kann ich mitspielen?“, fragte er.

Rebekka überlegte einen Moment. „Na gut. Aber nur, wenn du mutig bist.“ Sie weihte ihn in ihren Plan ein.

Wenige Minuten später landete der Zapfen im Gebüsch. Niemand bemerkte es. Rebekka warf einen weiteren. Erneut kümmerte sich niemand darum. Nun warf sie drei Zapfen auf einmal.

„Es funktioniert nicht“, sagte sie verärgert.

„Dann brauchen wir einen Plan B“, fand Quaki.

„Genau“, bestätigte Rebekka. „Und ich weiß auch schon, wie der geht.“ Sie schaute Tobias an. „Du musst Frau Otto ablenken.“

„Ich?“, fragte Tobias entgeistert. „Und wie soll ich das machen?“

„Sag ihr, dass du ihr unbedingt was Tolles zeigen musst. Eine schöne Blume oder irgendeinen Stein, der dir gefällt.“

„Aber …“

„Los, mach schon!“

Tobias war anzusehen, dass er nicht wollte. „Können wir nicht was anderes spielen?“

Rebekka schnaubte. „Ich wusste, dass du ein Angsthase bist.“

„Gar nicht wahr!“, protestierte Tobias. „Ich bin kein Angsthase!“

„Bist du doch!“, beharrte Rebekka.

„Nein!“

„Doch!“

„Nein!“

„Dann lenk‘ endlich Frau Otto ab“, forderte Rebekka.

„Aber das ist ein blödes Spiel“, widersprach Tobias.

„Das sagst du nur, weil du feige bist.“

„Ich bin nicht feige! Ich bin mutig.“

„Ach ja? Zeig mir doch mal, wie mutig du bist.“

„Zeigdu mir zuerst, wie mutigdu bist!“

„Du willst eine Mutprobe? Bitte, kannst du haben!“ Rebekka schaute dem Jungen herausfordernd in die Augen. „Ich traue mich, wegzulaufen“, flüsterte sie. „Jetzt und hier. Und ich traue mich, so lange im Wald zu bleiben, bis es dunkel wird. Ich traue mich sogar, im Wald zu schlafen.“

Tobias verschränkte die Arme vor der Brust. „Das traust du dich niemals.“

„Pah“, machte Rebekka nur. Im nächsten Moment schlich sie davon. Mit stetem Blick zurück und immer wieder hinter Bäumen und Sträuchern Deckung suchend, huschte sie leise Meter um Meter von der Gruppe weg. Solange sie sich innerhalb des Gebietes aufhielt, das die Erzieherin zum freien Spielen festgelegt hatte, blieb Tobias vollkommen unbeeindruckt. Auch die ersten Schritte hinter der Grenze zeigten kaum Wirkung. Solche kleinen Überschreitungen hatte Rebekka schließlich schon mehrere Male aus Spaß unternommen und war gleich darauf wieder zurückgekehrt. Nachdem aus einigen Schritten jedoch erste Meter geworden waren, wurde Tobias stutzig.

Rebekkas Herz schlug schneller. Noch könnte sie ihre Entscheidung rückgängig machen. Sie würde weder von Frau Otto noch von ihren Eltern Ärger bekommen. Aber wollte Rebekka zulassen, dass Tobias über sie spottete, weil sie doch nicht so mutig war, wie sie behauptet hatte? Wollte sie sich das Abenteuer entgehen lassen, das ihr bei Weitem nicht zum ersten Mal in den Sinn gekommen war? Wie oft hatte sie schon davon geträumt, ganz allein durch den Wald zu streifen, frei und wild, wie ein Fuchs oder ein Hirsch? Alles, was Rebekka würde tun müssen, war rennen. So schnell und so weit sie konnte, ehe ein anderes Kind außer Tobias oder gar die Erzieherin auf ihr Vorhaben aufmerksam wurde. Sie zählte bis drei und traf ihre Entscheidung.

Die Zweige unter ihren Füßen knackten. Hohe Laub- und Nadelbäume rauschten an ihr vorbei. Rebekka sprang über moosbedeckte Wurzeln und streifte die Blätter einer jungen Buche. Ein aufgeschrecktes Eichhörnchen huschte flink in die Baumkronen. Rebekka hielt an und blickte ihm keuchend nach.

Im nächsten Moment hörte sie, wie jemand ihren Namen rief.

„Frau Otto“, erkannte Rebekka. „Jetzt hat sie es gemerkt“, sagte sie zu ihrem Plüschfrosch.

„Oder Tobias hat gepetzt“, überlegte Quaki.

„Rebekka! REBEKKA!“, erklangen auch mehrere Kinderstimmen.

„Wo bist du?“, rief Tobias.

„WO BIST DU?“, wiederholten die Jungen und Mädchen.

„Los, Quaki, wir müssen uns verstecken.“

Rebekka blickte sich um und entdeckte einen alten Ahornbaum. In großen Abständen spreizten sich die starken Äste vom Stamm. Doch weil Rebekka leicht und geschickt war, benutzte sie mühelos die dünnen Äste dazwischen. Als das erste Kind am Baum vorbeikam, saß Rebekka fast unsichtbar in der dichten, grünen Krone.

Vor Wut hatte Frau Otto rote Flecken am Hals und im Gesicht. Tobias sah aus, als ob er sich schämte. Rebekka stellte sich vor, wie sie den beiden auf die Köpfe spuckte, und hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht in lautes Lachen auszubrechen.

Einige Meter von Rebekkas Versteck entfernt blieb die Erzieherin stehen und forderte auch ihre Schützlinge auf, anzuhalten. „Rebekka!“, rief sie laut und drohend. „Ich weiß, dass du dich hier irgendwo versteckst. Du kommst auf der Stelle hierher, sonst kannst du was erleben! Ich zähle bis drei.Eins … Zwei …

Rebekka hielt den Atem an.

Drei!“

Erwartungsvoll blickten die Kinder um sich.

„Na warte“, hörte Rebekka Frau Otto sagen. „Das wird noch ein Nachspiel haben.“ Sie versammelte die Kinder um sich und trat den Rückweg an.

Rebekka wartete, bis nichts mehr von ihnen zu sehen und zu hören war. Ein Buchfink begann zu singen. Irgendwo hämmerte ein Specht. Bedächtig kletterte das Mädchen vom Baum herunter.

„Wohin gehen wir jetzt, Quaki?“

Der Plüschfrosch dachte nach. Kurze Zeit später streckte er den Arm in die Richtung, die sie am weitesten vom Kindergarten wegführen würde. „Da lang.“

Rebekka nickte, drückte das Kuscheltier an die Brust und ging los. Warmes Sonnenlicht fiel zwischen den breiten, aber hohen Stämmen auf den weichen Boden.

„Schön hier, nicht wahr?“, sagte Rebekka leise. „Ich habe nicht das kleinste bisschen...