PROLOG
Eine Vision lag in der Luft. Etwas Unbestimmtes, Geisterhaftes, vielleicht eine Erinnerung an etwas, das in der Zukunft geschehen wird, schlich umher, suchte nach einem Ort, einem Nest – in dem sensiblen Schulgebäude vielleicht?
Auch wenn das Unbestimmte nicht so konkret war, wie eine Person oder ein Geist, war es doch seine Vision.
Es schlich um das orange verschlungene Haus und lugte in jedes Fenster.
Des Nachts war es hier leer und dunkel. Eigentlich schade, um so viel Platz, der den lieben langen Abend, die noch viel längere Nacht und den nicht enden wollenden Morgen, und das jeden Tag des Jahres, leerstand – ohne Kinder – Teenager zumeist und ihre Direktorin, Sekretärin, Lehrerinnen und
Lehrer, Köchinnen und Köche, Schulpsychologinnen und Schulpsychologen, Hausmeister, Putzfrauen und -männer.
Es ist hier so langweilig , so leer, dachte die sensible Schule die ganze Nacht lang bis zum Morgengrauen.
Denn die Schule dachte nicht: ›Wow, dann kann ich jetzt endlich mal wieder machen, worauf ich die ganze Zeit schon immer Lust hatte.‹ Nein, sie war einfach nur leer, stand da, still wartend, dunkel in sich gekehrt.
Der letzte Tag ging der sensiblen Schule dann immer durch die Gedanken: mit den vielen Worten, die in ihr gesprochen worden waren – die Tausendfüßlerfüße, die über ihren Böden gelaufen und Treppen gestiegen waren –, all die Hände, die ihre Klinken und Handläufe an den Treppen berührten – und so mancher Tritt, der ihre Wände traf – oder Bälle, die von ihren Mauern abprallten –, Kreide, die über Tafeln quietschte.
Was der sensiblen Schule aber blieb, waren neben den Erinnerungen die Graffitis an ihren Wänden, die Bilder in ihren Fluren, die zurückgelassenen Lehrmaterialien und Sportsachen in den gelben Schülerschränken. Das gab ihre Hoffnung, dass die Kinder und alle andern auch morgen wiederkommen werden.
Denn:Schließlich brauchten sie all die Dinge noch, dachte sich die sensible Schule.Also werden sie morgen auch wiederkommen. – Werden Sie morgen wirklich wiederkommen? »Ja, das werden Sie«, sprach sie sich jede Nacht, voller Wehmut, Hoffnung zu. Und dan