London, Spätherbst 1944. Die Stadt lebt im Schatten des Krieges. Sirenen verstummen, Ziegelstaub liegt in den Ritzen der Fenster, und auf einem wackeligen Tisch in einem kleinen Zimmer läuft eine Handpresse an. Auf dünnem, preiswertem Papier erscheint eine unscheinbare Rundschrift mit einem neuen Wort, das zugleich alt klingt und doch noch niemand kannte. Vegan. Ein kurzer Laut, beinahe flüsternd, aber mit Richtung. Donald Watson und einige Mitstreiter geben dieser Richtung einen Namen. Sie meinen damit nicht bloß eine weitere Variante des Vegetarismus, sondern eine Lebensweise, die Ausbeutung von Tieren so weit wie möglich und praktikabel vermeidet. Der Name ist eine kleine Wortformel aus Anfang und Ende von vegetarian. Er enthält eine Absicht. Er sagt: Wir gehen einen Gedanken zu Ende, der schon lange begonnen hat.
Der Anfang dieses Gedankens liegt nicht in London. Er reicht viel weiter zurück, in religiöse und philosophische Traditionen, in denen Gewaltlosigkeit mehr ist als ein Ideal, nämlich ein Alltag. In Indien trägt diese Haltung den Namen Ahimsa. Sie bedeutet, Leid zu verringern und vermeidbare Verletzung zu vermeiden. Über Jahrhunderte hat man dort Regeln entwickelt, die Rücksicht auf Lebendiges zur Gewohnheit machen. Nicht jede dieser Regeln entspricht unserer heutigen Begrifflichkeit, doch der Grundton ist derselbe. Die Frage lautet seit je: Was schulden wir anderen Wesen, wenn wir wissen, dass sie empfinden, dass sie leben wollen.
Auch Europa kennt frühe Stimmen. In den Schulen des Altertums stand Mäßigung hoch im Kurs, und der Gedanke, dass alles Lebendige verbunden ist, war keine Randnotiz. Pythagoras wurde zum Symbol für eine Richtung, die den Menschen nicht absolut über das Tier stellt, sondern ihn als Teil eines größeren Zusammenhangs begreift. Später, in der christlichen Kultur, prägten Fastenzeiten das Verhältnis zum Essen. Sie setzten dem Konsum Grenzen, ohne die Nutzung von Tieren grundsätzlich zu verwerfen. Erst mit Aufklärung und Moderne werden zwei Bewegungen gleichzeitig deutlich. Die eine weitet den Blick für Leiden, Empfindung und Würde aus. Die andere baut Fabriken, rationalisiert Schlachtung, organisiert Transporte, nutzt Tiere in Laboren und Zirkussen. Aus der Reibung dieser Bewegungen entsteht ein neuer Tonfall der Frage nach dem guten und dem gerechten Leben