: Mari Günther, Kirsten Teren, Gisela Fux Wolf
: Wegweiser Trans* Anregungen und Perspektiven für eine diskriminierungssensible Gesundheitsversorgung von trans* und nichtbinären Personen
: dgvt Verlag
: 9783871594663
: 1
: CHF 20.80
:
: Psychologie
: German
: 244
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Mit der ICD-11 ist ein Paradigmenwechsel gelungen, in dem trans*geschlechtliches Erleben entpathologisiert worden ist. Die Umsetzung der Entpsychopathologisierung liegt jedoch in der tagtäglichen Arbeit an uns selbst und in unseren beruflichen Tätigkeitsfeldern: Als professionelle Akteur*innen eines von trans*feindlichen Diskriminierungen strukturell durchzogenen Gesundheitssystems müssen wir uns als einen Teil des Problems betrachten und refl ektieren. Erst dann können wir aktiv an der Entpsychopathologisierung mitwirken, tatsächlich gute Gesundheitsangebote für trans*, nichtbinäre und gendernonkonforme Personen machen und damit ein Teil der Lösung sein. Dieses Buch will vielfältige Anregungen dafür geben. Neben mannigfachen Hinweisen für die praktische Arbeit mit trans* und nichtbinären Personen vereinigt es viele kluge Stimmen aus Regelversorgung, spezialisierter Versorgung, Trans*beratung, Forschung, Ethik und Medizinrecht: zukunftsweisend, menschenrechtsbasiert, praxisorientiert.

Vorwort


Gendernonkonforme, nichtbinäre und trans*geschlechtliche Personen erfahren in unserer Gesellschaft – insbesondere auch im Gesundheitssystem – aufgrund normativer Erwartungen an Geschlechtsausdruck und Körperlichkeit wiederkehrend Anfeindungen, Gewalt, Diskriminierung, Nicht-Beachtung und Pathologisierung. Dadurch sind gendernonkonforme, nichtbinäre und trans*geschlechtliche Personen immer wieder mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert, um sowohl ihren Alltag zu leben als auch ihre gesundheitlichen Bedarfe gegen enorme Widerstände einzufordern. Dies kann einerseits zu großen Belastungen führen, die spezifische Ressourcen erfordern und Interaktionsmuster prägen, andererseits aber auch gesundheitliche Folgen nach sich ziehen. Das Gesundheitssystem errichtet durch die in ihm anhaltend stattfindenden Diskriminierungen Versorgungsbarrieren. So können trans*, nichtbinäre und gendernonkonforme Personen Gesundheitsdienstleistungen oftmals nicht in dem notwendigen Maße in Anspruch nehmen. Die Ausgestaltungsweisen der Geschlechtsidentität(-en) und Genderpräsentation(-en) einer Person überschneiden sich mit weiteren lebensweltlichen Merkmalen wie sozioökonomischem Status, Gesundheit, Behinderung, Herkunft etc. Dementsprechend ist die Berücksichtigung der Erfahrungen einer Person mit der jeweils individuellen Positionierung in Bezug auf ihre unterschiedlichen Zugehörigkeiten entscheidend für ein Verständnis ihrer Erfahrungen und Umgangsmöglichkeiten damit.

In den psychotherapeutischen und medizinischen Versorgungsstrukturen haben gendernonkonforme, nichtbinäre und trans*geschlechtliche Klient*innen aufgrund ihrer gesellschaftlichen Positionierung spezifische Bedarfe. Deshalb erfordert die psychotherapeutische, medizinische und beratende Begleitung dieser Menschen ein Wissen hinsichtlich rechtlicher, psychosozialer und medizinischer Umgangsweisen mit dem Thema. Psychotherapeut*innen und Behandler*innen benötigen Selbstreflexion hinsichtlich der Bedeutung von Geschlecht und Möglichkeiten der Geschlechtspräsentation sowie eine therapeutische Beziehungsgestaltung, in der sie bereit sind, sich auf Unsicherheiten einzulassen und scheinbare Selbstverständlichkeiten beziehungsweise normative Erwartungshaltungen in Frage zu stellen und zu reflektieren.

In diesem Band wollen wir eine trans*respektvolle und entpathologisierende Haltung gegenüber gendernonkonformen, nichtbinären und trans*geschlechtlichen Personen fördern und Anregungen zur Selbstreflexion vorstellen sowie einen Umgang mit Unsicherheiten, internalisierten und trans*negativen Pathologisierungen aufzeigen, um diesen Menschen fachlich kompetent, affirmativ und bedarfsgerecht begegnen zu können. Damit möchten wir auch eine Wissenslücke schließen, da nach unserer Einschätzung weder in den Ausbildungen zur Psychotherapie noch im Fortbildungsbereich genügend zeitgemäßes Wissen vermittelt wird.

Im ersten Beitrag wirdKirsten Teren auf „Trans*geschlechtliches Erleben und die Entpsychopathologisierung im Rahmen der ICD-11: Konsequenzen für die psychotherapeutische Beziehungsgestaltung mit trans* und nichtbinären Personen“ eingehen. Im Rahmen der Entpsychopathologisierung trans*geschlechtlicher Lebensweisen in der ICD-11 ist endlich ein fachgerechter Zugang zu psychotherapeutischen Angeboten möglich. Dies erfordert gerade vor dem Hintergrund jahrzehntelanger Diskriminierungen und menschenrechtsverletzender Behandlungen im Gesundheitssystem eine trans*affirmative und kontextsensible Haltung. Im Beitrag werden medizinhistorische Einflussfaktoren, deren Auswirkungen und die aktuelle Situation der Tr