Berlin hatte sie aufgenommen in seinem immer größer werdenden Bauch. Obwohl Schöneberg, in dem ihr Mietshaus an der Culmstraße 29 lag, genaugenommen noch dem Landkreis Teltow zugehörig war. Da jedoch das in den letzten Jahren prosperierende Schöneberg mit seiner ganzen Flanke sozusagen am Nachbarstadtteil Tempelhof klebte, fühlten sich besonders die neu Zugezogenen längst als waschechte Berliner.
Wenn Helene morgens nach dem Aufwachen durch das Wohnzimmerfenster in der vierten Etage auf die Straße hinuntersah, konnte sie es immer noch nicht glauben. Seit über einem halben Jahr wohnten sie jetzt hier. Und doch schien es ihr manchmal, als wären sie erst am gestrigen Tage eingezogen und die allererste unruhige Nacht in der großen fremden Stadt läge eben erst hinter ihnen.
In der Anfangszeit, eigentlich bis zum Weihnachtsfest, waren sie tatsächlich selten nach draußen gegangen. Mangels Bekanntschaften und noch nicht gewachsener Verbindungen nahmen sie am gesellschaftlichen Leben kaum teil. Aber auch aufgrund einer gewissen Scheu. Helene stellte fest, dass die Menschen - ja das ganze Leben in Berlin - sich ihnen vollkommen anders präsentierten, als sie es aus dem vergleichsweise beschaulichen Stralsund gewohnt waren. Man bewegte sich dynamischer und sprach schneller als in einer Kleinstadt, - und vor allem deutlich lauter. Überhaupt war der sie umgebende Lärm ein wesentliches Merkmal des Lebens in Berlin, das gleichbedeutend mit einer andauernden Ausnahmesituation zu sein schien; einer Dauerkrise, die von den Bewohnern von morgens bis abends bewältigt werden musste. Erst weit nach Mitternacht dämpften sich die Geräusche in den Straßen ein wenig, um mit dem Morgengrauen verlässlic