Kapitel 2
Es war heiß, ja stickig im Apartment. Die Klimaanlage hatte einen Sekundenbruchteil, nachdem Sarah sie eingeschaltet hatte, den Geist aufgegeben. Dumm gelaufen. Vielleicht war sie auch schon vorher hinüber gewesen, und das kurze Aufflackern des grünen Lämpchens war ein letztes Aufbäumen, kurz bevor die Technik endgültig versagte.
Unten wummerten die monotonen Bässe der Sportbar. Bum-bum-bumbum, Pause, bum-bum-bumbum, Pause.
Sarah strampelte das Laken beiseite und riss das Fenster auf. Mit der kühleren Luft drang Gelächter zu ihr herauf. Draußen auf den Barhockern saß eine muntere Truppe und wurde mit jedem Drink enthemmter. Das war kaum zu ertragen; selbst Sarahs Schmerzgrenze war inzwischen erreicht. Sie hatte Karla das ruhigere Zimmer überlassen, weil die Nerven ihrer Freundin seit Tagen blank lagen. Wegen Fritz. Wegen ihres Geburtstags. Wegen allem. Karla war immer die Sensiblere von ihnen gewesen, schon damals, als sie sich im Studium kennengelernt hatten – rund ein Vierteljahrhundert war das her. Gemeinsam hatten sie in verschiedene Studienfächer reingeschnuppert, ein Semester lang auch in Romanistik. Was wurde man eigentlich mit einem Abschluss in Romanistik? Römerin ja wohl kaum. Gerade Karla mit den aschblonden, glatten Haaren und den grünblauen Augen.
Damals hatte Karla als Statistin an der Oper gejobbt und war im Laufe der Zeit dort hängen geblieben. Sie hatte Opernkarten verkauft, an der Garderobe ausgeholfen und eine Spielzeit lang in der Bühnenbild-Abteilung assistiert. Kurz darauf war die Referentin des künstlerischen Betriebsdirektors in Elternzeit gegangen, und Karla hatte ihre Chance genutzt. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie sich unentbehrlich gemacht, und als die Kollegin ein Jahr später abermals schwanger wurde und ausschied, bot man ihr einen unbefristeten Vertrag an. Ein sicherer Job, nicht sonderlich aufregend, aber Monat für Monat hatte er zuverlässig Geld in die Familienkasse gespült.
Sarah sog tief die frische Abendluft ein, dann lehnte sie das Fenster an und streckte sich wieder auf dem Bett aus. Nur im Slip lag sie da und versuchte, das Geplapper und Gelächter von draußen auszublenden. Wann gingen diese Leute eigentlich zu Bett? Gingen sie überhaupt jemals zu Bett? Ihre Gedanken schweiften zu ihrem Mann – was Götz jetzt wohl trieb? Da fiel ihr ein, dass sie gleich nach ihrer Ankunft in Berlin samt Gepäck zur Arbeit in die Seniorenresidenz musste. Sie sah die Papierberge auf ihrem Schreibtisch förmlich vor sich und fing an zu gähnen. Ja, es gab auch die berührenden Momente. Wenn sie einer Bewohnerin ein Zimmer mit Spreeblick anbieten konnte und die sich wie ein kleines Kind freute. Oder wenn die Angehörigen ihr Blumen mitbrachten und die Arbeit des Teams in höchsten Tönen lobten. Dennoch war der Großteil ihres Jobs längst Routine, und manchmal bereute sie es, dass sie keinen ihrer Studiengänge zu Ende gebracht hatte. Was hätte sie alles werden können! Journalistin vielleicht. Oder Apothekerin. Oder Galeristin. Götz hingegen hatte es geschafft. Er war Anwalt mit eigener Kanzlei. Weil sie, die dusselige Ehefrau, ihm stets den Rücken freigehalten hatte.
Der Strom der Gedanken wollte nicht abreißen, und ihr Blick ging zum Wecker. Halb drei. Himmel, wieso war sie nur so putzmunter? Zur Probe hatten sie in Karlas Geburtstagslokal zu Abend gegessen – der Wildkräutersalat und das Kalbssteak waren ein Gedicht gewesen –, den Espresso zur Crème Brûlée hatte sie absichtlich ausgelassen. Sie angelte sich das T-Shirt, das sie achtlos auf die andere Betthälfte geworfen hatte, und zog es über, dann tapste sie barfuß in die Küche.
Der Schreck fuhr ihr in die Glieder, als sie eine geduckte Gestalt auf dem Hocker am offenen Fenster sitzen sah.
»Karla?«
Ihre Freundin fuhr herum. »Meine Güte, mir ist fast das Herz stehen geblieben! Was tust du hier?«
»Und du?«, entgegnete Sarah.
»Ich warte darauf, dass ich Geburtstag habe.« Karla schlug die Beine übereinander. »Ich bin um halb vier geboren. Wenn du es genau wissen willst.«
»Ist Erik eigentlich schon da? Ich hab gar nichts gehört.«
Karla strich sich die Haare aus dem Gesicht. »Ihm ist was dazwischengekommen. Er nimmt einen frühen Zug. Hat er mir versprochen.«
Sarah widerstand dem Impuls zu fragen, was bitte schön wichtiger sein konnte als der Geburtstag der eigenen Mutter. Es ging sie nichts an. Sie hatte sich nie in die b