Kapitel 1
Freitag, der elfte April, war für Beth Hunter in doppelter Hinsicht ein besonderer Tag. Zum einen war es ihr Hochzeitstag. Zum zweiten erschien der Bräutigam nicht. Das bedeutete, daß Beth abgesehen von anderen Dingen auch nicht erfuhr, welche Pläne er für die Flitterwochen hatte.
Später, als es darauf ankam, sich an die Einzelheiten ihrer letzten gemeinsamen Wochen zu erinnern, war Beth imstande, sich den Augenblick zu vergegenwärtigen, in dem sie erstmals festgestellt hatte, daß Teddy etwas Besonderes plante. Das hatte sich zwei Wochen vor dem Hochzeitstag, an einem kühlen, sonnigen Februarmorgen ereignet.
Beth war den Abend zuvor ziemlich lange auf gewesen, hatte Abhandlungen junger Studenten über die Inquisition zensiert und auf Teddys Rückkehr von einer Konferenz in Washington gewartet. Die Beurteilung dieser Arbeiten hatte ihr Zeit gekostet, die sie für ihre Doktorarbeit benötigte, doch zuerst war es amüsant gewesen (»Die Inquisition: Pro und Contra«). Dann wurde es ärgerlich (»Da ich glaube, daß die Inquisition für unsere Zeit nicht von großer Bedeutung ist, habe ich beschlossen, stattdessen über Essen und Trinken im Mittelalter zu schreiben.«) Und schließlich wurde es zur Plackerei (»Die acht Ursachen für die Inquisition sind ...«) Beth erwachte, wobei ihr der Satz »Die Inquisition in Lied und Erzählung« durch den Kopf ging. Sie konnte sich nicht daran erinnern, ob sie das gelesen oder geträumt hatte.
»Wie wär ‘s mit einer Inquisitions-Fernsehserie?« sagte sie. »So Richtung Barney Miller, aber mit Kostümen.« Sie öffnete die Augen. Niemand hörte zu. Teddy war bereits aufgestanden. Er hatte eine Vertiefung neben ihr im Bett hinterlassen, die sich warm anfühlte. Beim Aufstehen bemerkte Beth eine Gleichung, die mit Filzstift auf den geblümten Kopfkissenbezug geschrieben war: x-X(s,t)f(s,t) = u[X(s,t)t]. Der letzte Teil verlor sich auf dem Laken. Gleichungen wie diese fanden sich überall im Apartment – auf den Titelseiten von Büchern, auf Weinflaschenetiketten, an der Wand über der Badewanne. Teddy schrieb sie mit dem nieder, was er gerade zur Hand hatte, wenn sie ihm einfielen.
Runter auf den Boden. Fünfzig Rumpfbeugen. Zwanzig Liegestütze auf den Zehenspitzen; die letzten drei oder vier waren wackelig. Beth hatte den Körper einer Schwimmerin, mit diesen langen, sich verjüngenden Muskeln, die viel stärker sind als sie aussehen. Sie schwamm noch immer jede Woche dreimal, aber ihr Körper war nicht mehr so schlank, wie er vor einigen Jahren gewesen war. Sie führte Krieg mit ihrem Gewicht, das in italienischer Pasta einen Verbündeten gefunden hatte. Sie hängte noch fünf weitere Liegestütze dran, nahm dann das Kissen vom Bett und ging, um nach Teddy zu schauen.
Er war nicht im Wohnzimmer. Sie hatte erwartet, ihn dort auf dem alten Cordsofa liegend, mit einer Tasse Kaffee und derChronicle zu finden. Silbernes Morgenlicht erfüllte das ruhige Zimmer, fiel auf die Ölportraits von Beth und Teddy über dem Kamin. Der Künstler, von einem Freund empfohlen, wurde jetzt berühmt, doch Beth hielt sein Bild von Teddy fast für mißlungen. Mit der Form der Stirn und den feinen Knochen um die Augen hatte er etwas von Teddys Intelligenz eingefangen, doch den Ausdruck düsterer, konfuzianischer Würde, der auf dem gemalten Gesicht lag, hatte Teddy in Wirklichkeit nicht.
Trotz einiger Ungenauigkeiten war das Bild von Beth dem Künstler besser gelungen. Ihr Haar war zu hell – in Wirklichkeit war es so dunkel, wie Haar, das man eben noch blond nennen kann, sein kann; und ihre Augen waren nicht so blau – fast jeder, der blaue Augen hatte, hatte blauere als Beth. Aber er hatte sie nicht zu Doris Day gemacht. Die ausgeprägten Gesichtszüge waren da, und sie wirkte, als wolle sie etwas sagen, das sie lieber nicht sagen sollte: etwas, das für die höfliche Gesellschaft zu bissig war. D