Kapitel 1
Donnerstag, der beste Tag der Woche – der Tag aller Tage, geradezu prädestiniert für Francie, um ja zu sagen. Aber jetzt, im Atelier des Künstlers mit Blick auf den Gastank von Dorchester, der jenseits des Hafens aufragte, konnte sie sich nicht dazu durchringen. Ihr Problem war, dass sie die Gemälde hasste. Material: Tusche; Technik: Airbrush; Stil: Fotorealismus; Motiv: Menschen mit leblosen Mienen, die in einer Kunstgalerie Installationen betrachteten. Bei genauerem Hinsehen waren die Installationen mit blutverschmiertem Stacheldraht umsäumte Neonbotschaften, Botschaften, die sie trotz der Winzigkeit lesen konnte, wenn sie noch genauer hinsah. Francie, die Nase dicht vor der Leinwand, las sie pflichtschuldig:Erkenn die Melodie; Schwörst du, die Wahrheit zu sagen?; Uns bleibt immer die Erinnerung.
»Eine Welt innerhalb der Welt«, kommentierte sie, eine neutrale Phrase, die man auch positiv verstehen konnte.
»Wie bitte?«, fragte der Künstler, der ihr nervös durchs Atelier folgte.
Francie lächelte ihn an – abgezehrt, hohläugig, reizbar, ungepflegt –, Raskolnikow auf Amphetamin. Sie hatte Gemälde von leblosen Menschen gesehen, die Gemälde betrachten; Neonbotschaften; Stacheldraht, blutverschmiert, rosa, rotweiß-blau; sie hatte Kunst gesehen, die sich selbst verschlang, mit einem Appetit, der jeden Tag stärker wurde.
»Noch etwas anderes, was Sie mir zeigen wollen?«, erkundigte sie sich.
»Etwas anderes?«, wiederholte der Künstler. »Ich bin nicht ganz sicher, was Sie ... «
Francie hielt ihr Lächeln aufrecht; Künstler hatten kein leichtes Leben. »Andere Arbeiten«, erklärte sie so behutsam wie möglich.
Aber nicht behutsam genug. In einer dramatischen Geste riss er seinen Arm empor. »Das sind meine Arbeiten.«
Francie nickte. Einige ihrer Kollegen würden jetzt sagen »und sie sind wunderbar« und ihm die schlechte Nachricht in einem Brief der Stiftung mitteilen, aber das brachte Francie nicht fertig. Schweigen breitete sich aus, lang und unbehaglich. Die Zeit verlangsamte sich, viel zu früh. An Donnerstagen wollte Francie, dass die Zeit sich verhielt wie in einigen von Einsteins Gedankenspielen, bis zum Einbruch der Dunkelheit voranhastete und dann nahezu zum Stillstand kam. Der Künstler starrte auf seine Schuhe, rote Leinenturnschuhe voller Farbspritzer. Francie starrte sie ebenfalls an.Schwörst du, die Wahrheit zu sagen? Selbst miserable Kunst konnte einen berühren, oder zumindest sie. Aus dem Augenwinkel erspähte sie etwas – eine kleine, ungerahmte Leinwand, die an der Laibung eines türlosen Schranks lehnte – und trat näher heran, um wenigstens das Schuhstarren zu beenden.
»Was ist das?« Ein Ölgemälde eines klassischen Sockels, gesprungen, bröckelnd, auf dem Trauben lagen, weindunkel, überreif, verfaulend. Und im Mittelgrund, weder versteckt noch hervorgehoben, einfach da, die reizende Figur eines Mädchens auf einem Skateboard, ganz Hingabe, Balance, Tempo.
»Das?«, fragte der Künstler. »Das ist schon Jahre her.«
»Erzählen Sie mir etwas darüber.«
»Was gibt es da zu erzählen? Es war eine Sackgasse.«
»Sie haben nichts anderes in dieser Art gemalt?« Francie kniete sich hin, drehte das Bild um und las die Rückseite: OGarten, mein Garten.
»Doch, Dutzende«, sagte der Künstler. »Aber ich habe alle übermalt, wenn ich Leinwand brauchte.«
Francie unterdrückte einen raschen Blick zu den aufdringlichen Stücken an der Wand.
»Das ist das letzte. Warum fragen Sie?«
»Es besitzt eine Art ... « Etwas. Es hatte dieses Etwas, nach dem sie ständig Ausschau hielt und das so schwer in Worte zu fassen war. Um professionell zu klingen, sagte Francie: »Resonanz.«
»Ehrlich?«
»Ich finde schon.«
»Damals gefielen sie niemandem.«
»Vielleicht stehe ich einfach auf überreifes Obst.« Aber sie wusste, dass es