Kapitel 2
»Alle glücklichen Familien nuckeln. Unglückliche Familien nuckeln auch.«
Um 6.47 Uhr, am Morgen ihres neununddreißigsten Geburtstags, starrte Nina Kitchener auf diese acht Wörter, den ersten Absatz des Manuskripts auf ihrem Frühstückstisch. »Wie man ohne Männer und Kinder lebt – und es genießt«, von Lois Filer, Dr. phil. Ein Tropfen ungezuckerte, geschmacklose Marmelade rutschte von Ninas Pumpernickelscheibe auf das Papier. Sie versuchte ihn wegzuwischen und zog stattdessen einen orangegelben Bogen durch den zweiten Absatz, wie die Markierung eines Lektors.
Sie ging mit dem Manuskript in das kleine Zimmer, das sie als Büro benutzte, und kletterte auf den Hometrainer. Während sie in die Pedale trat, blätterte sie die Seiten um. Seite 7: »Die Zeit für neue Modalitäten ist gekommen. Wenn Sie nicht alles haben können, was wollen Sie wirklich?« Seite 160: »Überlegen Sie mal – leben Sie für andere oder für sich selbst? Wenn Sie für andere leben, fragen Sie sich: Wer lebt für Sie? Möchten Sie immer noch daran denken, wenn Sie erkennen müssen, daß die Antwort lautet: Niemand – und wenn es zu spät ist?«
In zehn Minuten hatte sie die Quintessenz des Manuskripts erfaßt. In zwanzig war sie 7,3 Meilen geradelt. Mit einer roten Stecknadel markierte sie ihren Weg auf einer großen Weltkarte, die an der Wand hing. Sie radelte von Paris nach Rangun. Die rote Stecknadel kennzeichnete Ninas derzeitigen Standort inmitten des Hindukusch. Nächste Woche würde sie Pakistan erreichen, in einem Monat Kaschmir. Sie ging ins Bad, wo sie sich die Zähne mit einer Antibelagpasta putzte, nach einer Geheimformel hergestellt. So was konnte man am Khaiber-Paß vermutlich nicht kaufen. Sie besaß das Beste von beiden Welten.
Im Spiegel sah sie gute Zähne. Nicht so strahlend weiß wie die Kronen, die ihr Dr. Pearl einreden wollte – ihr Zahnarzt, der für drei Kinder Alimente zahlen mußte –, aber weiß genug für echte Zähne. Und sie hatte schönes Haar, dunkelbraun, dicht, gesund, schick geschnitten von Sherman’s, für 100 Dollar, das Trinkgeld nicht mitgerechnet. Das Gesicht? Da konnte man eher sagen, was es nicht war – weder aristokratisch noch bäurisch, keine Haken-, auch keine Stupsnase, weder sexy noch süß, nicht arrogant, nicht lässig. Eins stand jedenfalls fest – es war intelligent, gut proportioniert, Mittelklasse. Die Art von Gesicht, die in einem frühen Manet auftauchen könnte. Wäre die Annahme zu vermessen, die großen dunklen Augen hätten ihn inspiriert?
Beim Blick in den Spiegel dachte Nina nicht darüber nach. Sie suchte nach Anzeichen, die auf ihr Alter hinwiesen. Es gab vieles, aber nichts, was man Falten hätte nennen können, höchstens ein übelgesinnter Betrachter. Aber sie sah, wo die Falten entstehen würden. Schluß damit! Sie bespritzte ihr Gesicht mit kaltem Wasser, rieb es kräftig mit einem Frotteetuch trocken, zog sich an, stopfte »Wie man ohne Männer und Kinder lebt – und es genießt« in ihre Aktentasche und fuhr im Lift 35 Stockwerke hinunter, zu den Straßen von Manhattan.
»Guten Morgen, Miss Kitchener«, sagte Jules und hielt ihr die Tür auf. Er war wie ein Schweizer Gardist gekleidet, nur noch etwas auffälliger. »Ein schöner Tag«, fügte er hinzu, beinahe so, als würde er es ernst meinen, was ihm gar nicht ähnlich sah. Nina trat in ein Schneetreiben hinaus und erinnerte sich – der Montag nach dem Erntedankfest, der Tag, wo das Trinkgeld fällig war.
Sie ging zur Arbeit und teilte sich die Gehsteige mit steifbeinigen Massen, die sich mißgelaunt vor dem kalten Wind duckten. Atemwolken stiegen empor, wie leere Sprechblasen in Comics. Mit niemandem hatte sie Blickkontakt, außer mit einem reglosen Mann in Lumpen, der an der Ecke der Third und der Forty-ninth stand und plötzlich auf sie zuhinkte und wisperte: »Frohes Scheiß-Weihnachten!« Kein anderer beachtete ihn.
Neunundreißig! Nina stellte sich vor, die Zahlen würden läuten wie Dorfkirchenglocken in einem Frankenstein-Film. Eigentlich konnte sie sich immer no