Kapitel 1
Es ist leicht, in New York verloren zu gehen.
Zu weitmaschig ist das Gitternetz der Straßen, perforiert von Durchgängen, die man erst auf den zweiten, den dritten Blick entdeckt. Zu gleichförmig sind die Gesichter der Häuserblöcke. Die Fassaden der Wolkenkratzer verschachteln sich zu einem verwirrenden Spiegelkabinett, und unter der Erde verzweigt sich das Labyrinth der Subway in alle Dimensionen.
In den Nächten verpixeln Myriaden von Lichtern die Finsternis. Gerade eine Handvoll davon ist charakteristisch genug, um als Signalfeuer zu dienen: One World Trade Center. Das Chrysler und das Empire State Building. Der Pool von Neonreklamen und LEDs am Times Square und das Logo von Pepsi-Cola auf der anderen Seite des East River, in Long Island City.
Zu gewaltig ist das Meer aus Menschen, das durch die Straßen schwappt. Und mit seinem Rhythmus von Ebbe und Flut wird auch das Treibgut auf Bahnsteigen und Bordsteinen angespült.
Stehen gelassene Regenschirme und vergessene Mäntel. Herausgerutschte Brieftaschen. Schlüsselbünde, die sich durch ein Loch in der Jackentasche gearbeitet haben. Hunderte von Mobiltelefonen jedes Jahr, die genauso unbemerkt aus einer Tasche geglitten sind wie Brillen mit und ohne Etui. Fast jede Woche finden sich irgendwo ein Zahnersatz, ein Hörgerät und manchmal auch eine verwaiste Beinprothese. Ein Geigenkasten, in der Eile oder in geistesabwesendem Zustand liegen geblieben, vielleicht auch in der Absicht, das verhasste Instrument loszuwerden.
Der Sommer bringt jedes Jahr wieder ein angelehntes und dann vergessenes Surfbrett. Vor Weihnachten stauen sich Berge von im Trubel untergegangenen Einkaufstüten an, und den ganzen Winter über verwandeln sich die Gehwege in einen Friedhof einzelner Handschuhe und herabgerutschter Schals.
Die Schuhe nicht zu vergessen. Unzählige Schuhe, die ständig überall in der Stadt stranden, partner- und herrenlos.
New York ist die Stadt vonwasuremono – der japanische Ausdruck für alles, was irgendwo vergessen und liegen gelassen wurde. Was verloren ging.
Selbst der Central Park, der von oben betrachtet wie ein Schwimmbecken voll Moos inmitten von Manhattan liegt, ist ein Irrgarten aus verschlungenen Wegen und Baumwällen.
Umso konzentrierter wirkt Moe, während er mit einem gemächlichen Schritt nach dem anderen den Pendelbewegungen seines Besens folgt. Wie der Welt der Flaneure und Jogger entrückt und doch ganz im Hier, im Jetzt.
Moe ist einer der Letzten seiner Art, in diesem Amt langsam grau geworden und nach eigenem Bekunden um den Bauch herum ein paar Pfund zu schwer. Irgendwann in naher Zukunft wird auch er von einer der dröhnenden Maschinen ersetzt werden, die bürstend und saugend die Straßen und Gehwege bearbeiten. Die Folien von Schokoriegeln, die Papierservietten und Laubblätter, die sie dabei hinter sich zurücklassen, verärgern nicht wenige New Yorker, aber das ist der Preis des Fortschritts.
Noch gibt es Straßenkehrer wie Moe. Eine Insel der Ruhe in der Hektik der Stadt. Die Verkörperung einer unerschütterlichen Gelassenheit, wie sie nicht einmal mehr bei buddhistischen Mönchen zu finden ist, die in wehenden gelben Gewändern und mit Stressschweiß auf der Stirn durch die Straßen Chinatowns hasten.
Der Anblick Moes beflügelt jedes Mal Ivys Schritte, wenn sie ihn in seiner Uniform aus tannengrünem Kapuzenpullover, Cargohose und groben Schnürstiefeln entdeckt.
Heute bietet er einen surrealen Anblick, wie er da auf einem See aus rosafarbenen Blüten zu schweben scheint.
»The darling buds of May«, verkündet seine volltönende Stimme, jede Silbe mit einem feierlichen Nachhall versehend.
Moe ist ein Fan von Shakespeare. Er ist der Sound, der Rhythmus; Shakespeare war für ihn der erste Rapper.
Wenn Moe lächelt, entfaltet sich ein Fächer lebensweiser Linien unter seinen Augen. Trotz der Melange aus Salz und Pfeffer in seinen kurz geschorenen Haaren und im Stoppelbart mag man kaum glauben, dass er schon jenseits der sechzig ist und Großvater von Schulkindern.
Ivys Blick fängt sich an dem Hügel aus Blüten, den Moe bereits zusammengekehrt hat.
»Schade um diese Pracht«, murmelt sie.
»Sie werden so oder so schnell braun. Und es kommen n