Kapitel 3
Von dem Moment an, in dem Bao Dai Heimaterde betreten hatte, hatte er Schwierigkeiten mit dem gleißenden Licht. Alles was er ansah, blendete ihn. Er richtete seinen Blick zum Himmel, um herauszufinden, warum es in seiner Heimat so hell war. Nicht einmal die Sonne schien – es war ein bewölkter Tag. Er rieb sich die Augen so heftig, als wolle er die verzerrenden Linsen herausnehmen, die ihm ohne sein Wissen, vielleicht im Schlaf oder im Fieber, eingesetzt worden waren, aber als er aufhörte zu reiben, war das Gleißen immer noch da. Alle Gegenstände bekamen dadurch verzerrte Kanten: die Autos, die Häuser, die hohlwangigen Schaufensterpuppen der Boutique, vor der er nun stand.
Bao Dai ging hinein.
Eine große schwarze Frau, hohlwangig wie die Schaufensterpuppen, kam durch das grelle Licht auf ihn zu und fragte: »Kann ich Ihnen behilflich sein, Sir?« Sie sprach nicht wie eine Schwarze, nicht wie irgendeiner der Schwarzen oder Weißen, die er da drüben kennengelernt hatte; sie sprach sehr vornehm. Sie musterte ihn rasch vom Scheitel bis zur Sohle, nahm den Anzug, das Button-down-Hemd, ! die Krawatte, die Lederschuhe mit all den kleinen runden Löchern in der Kappe wahr.
»Jeans«, sagte Bao Dai.
»Bitte?«
Er war sich nicht sicher, ob er es richtig ausgesprochen hatte. Hatte er so etwas wie »Jinns« gesagt? Er wiederholte das Wort und gab sich Mühe, es in die Länge zu ziehen.
»Sie wünschen ein Paar Jeans, mein Herr? Am besten sehen Sie sich einmal in unserer Country Weekend Boutique um.« Sie führte ihn zum hinteren Teil des Ladens. »Bevorzugen Sie eine spezielle Marke oder einen Designer? Calvin Klein? Jordache? Ralph Lauren?«
»Bell-Bottoms«, sagte Bao Dai.
»Wie bitte?«
Er wiederholte es und gab sich wieder mit der Aussprache besondere Mühe.
Die Frau blinzelte, sehr schnell, fünf- oder sechsmal hintereinander. In dem hellen Licht wirkten ihre flatternden langen Wimpern wie Blinklichter. »Sie meinen Bell-Bottom-Jeans?« fragte die Frau.
Bao Dai brummte.
Die Frau musterte ihn noch einmal von oben bis unten und betrachtete diesmal auch sein Gesicht. »In der Nähe von Coolidge Corner gibt es einen 60er-Jahre-Laden. Dort könnten Sie es versuchen.«
Später saß er in einem Bus, der den Highway entlangrollte. Auf einem Schild über dem Kopf des Fahrers stand: TOILETTE HINTEN. Er ging nach hinten, zog den Reißverschluß seiner Anzughose auf und pinkelte in die Metallschüssel. Er dachte an die schwarze Frau in dem Geschäft. Dann sah er auf und vergaß sie sofort. Er erkannte ein Gesicht im Spiegel. Es war sein Gesicht, natürlich, das wußte er. Aber er hatte keine Ahnung gehabt, daß es so viel älter aussah als das der Schwarzen. Er hatte vermutet, sie seien ungefähr im selben Alter. Aber es stimmte nicht. Er ging zurück zu seinem Platz und betrachtete die anderen Fahrgäste, während er den Gang entlangging. Er versuchte das Alter der Passagiere zu schätzen. Er ging mehrere Male im Gang auf und ab, bis er merkte, daß er beobachtet wurde und der Blick des Fahrers auf den Rückspiegel gerichtet war. Er ging in die Toilette zurück, verschloß die Tür, zog alle seine Kleidungsstücke aus und starrte auf die Gestalt im Spiegel, bis er merkte, daß der Bus stehengeblieben war.
Bao Dai wanderte über eine Landstraße.
Wie hieß dieses Lied noch? fragte er sich beim Gehen. »Changes?« »Sit by my side, come as close as ... – Setz dich zu mir, komm so nah wie ...« So nah wie was? Er konnte sich nicht mehr erinnern.
An die Akkordfolge allerdings konnte er sich noch erinnern: C-Dur, D-Dur, G-Dur, e-Moll. Seine linke Hand bewegte sich in Barrégriffen durch die Luft.
Diese Landstraße kannte er gut, trotz des grellen Lichts. Es regnete jetzt, und er hielt seinen Kopf gesenkt, nicht weil er die Nässe und die Kälte spürte, sondern weil ihm das diesige Flimmern, das jeden einzelnen Regentropfen umgab, nicht ertragen konnte. Er brauchte nicht auf den Weg zu achten, er kannte die Straße wie seine Westentasche.
Bao Dai kam zu einem der Briefkasten, die in dieser ländlichen Gegend oft zu sehen waren – dieser war bemalt. Er konnte sich noch an den Geruch der frischen Farbe erinnern und daran, wie schwer es gewesen war, die blauen Blumen ric