Kapitel 1
Linda Marx Gardner erwachte aus ihrem Traum und spürte die Erektion ihres Ehemanns an ihrer Hüfte – nicht drängend oder fordernd, sie war einfach nur da. Zu einem früheren Zeitpunkt ihrer Ehe, um genau zu sein, zu einem sehr frühen, hätte Linda im gedämpften Licht des Morgengrauens, das das Schlafzimmer in düstere Schatten hüllte, die Sache in die Hand genommen. Diese frühmorgendlichen Aktivitäten, wenn sie entspannt und noch schlaftrunken waren, hatten sich meist als ziemlich gut herausgestellt, wenn nicht sogar besser als das.
Linda stand auf. In ihrem Traum hatte sie hektisch irgendwelche Wörter auf rosafarbenen Papierbögen ausradiert, ohne sie sich jedoch zu merken. Als sie ins Badezimmer ging, gab Scott im Schlaf einen Laut von sich, ein leises Grunzen, das auf tiefe Zufriedenheit schließen ließ. Ein seltsamer Gedanke schoss ihr durch den Kopf, der eigentlich gar nicht zu ihr passte: Radierte er ebenfalls etwas aus?
Sie stellte sich unter die Dusche und ging im Geist ihren Terminkalender durch, dessen Seiten mit ihrer säuberlichen Handschrift gefüllt waren. Es würde einige Diskussionen über den Skyway-Etat geben, in erster Linie wegen der Fotos, aber nicht nur deshalb. Linda überlegte, was noch alles kommen mochte, und war so in ihre Gedanken an die Arbeit versunken, dass sie erschrocken zusammenfuhr, als sie plötzlich durch die beschlagene Scheibe der Duschkabine Scott erkannte, der mit dem Rücken zu ihr vor der Toilette stand.
»Könntest du bitte Brandon wecken?«, rief sie ihm zu.
Scott erwiderte etwas, das sie jedoch wegen des rauschenden Wassers nicht verstehen konnte. Der heiße Wasserstrahl, der auf sie niederprasselte, fühlte sich so gut an, dass sie am liebsten den Rest des Tages darunter verbracht hätte ... Abrupt drehte sie die Dusche ab; Scott war verschwunden.
Sie trat aus der Kabine und griff mit einer Hand nach einem Handtuch, während sie mit der anderen die Wasserspülung der Toilette betätigte. Scott vergaß das ständig, oder es kümmerte ihn nicht, was auch immer. Ein Blick auf ihre Armbanduhr auf dem Granitwaschbecken – schwarzer Granit mit mitternachtsblauen Sprenkeln und damit das hübscheste Stück im ganzen Haus – sagte ihr, dass sie zwei oder drei Minuten zu spät dran war, also nichts, worüber man sich Sorgen machen musste. Sie holte tief Luft.
»Bran? Bran? Bran? Bran?«
Dieses eine Wort, das immer wieder an seine Ohren drang, fräste sich durch Brandons Träume und ließ sie in sich zusammenfallen, bevor es ihn endgültig in den Wachzustand beförderte.
»Brandon? Bist du wach, Kumpel? Es ist schon spät.«
Brandon war wach genug, um festzustellen, dass er die Decken nach oben gezerrt hatte und ganz erhitzt war, völlig durcheinander und absolut nicht in der Lage aufzustehen oder sich auch nur zu bewegen. Er öffnete ein Auge gerade so weit, dass er seinen Vater zwischen seinen vom Schlaf verklebten Wimpern erkennen konnte – der stand mit einem Handtuch um die Hüften, Rasierschaum im ganzen Gesicht und einem tropfenden Rasierer in der Hand direkt vor ihm.
»Ich kann wirklich nicht ...«
»Vergiss es, Brandon. Du wirst zur Schule gehen.«
»Ich fühle mich zum Kotzen.«
»Du wirst gehen. Und achte auf deine Ausdrucksweise, wenn’s recht ist.«
Brandon gab keine Antwort.
»Zeig ein bisschen Leben. Setz dich auf oder mach sonst irgendwas. Und sieh zu, dass ich nicht noch mal kommen muss.«
»Schon gut«, erwiderte Brandon, obwohl die einzige Bewegung, die er zustande brachte, das Schließen des einen Auges war.
»Außerdem sieht es in diesem Zimmer langsam aus ...«
Brandon hörte den Rest des Satzes kaum noch. Die Konturen begannen wieder zu verschwimmen, und watteweicher Schlaf umhüllte ihn erneut.
Im Fenster des Zimmers, das auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs lag, baumelte ein Glasprisma. Es war das Fenster, durch das morgens die Sonne als Erstes hereinfiel. Während Brandon wieder in Tiefs