Kapitel Eins
Manchmal leben die Toten in unseren Träumen weiter.
Delia war äußerst lebendig, als sie mit nackten baumelnden Beinen auf einer Terrassenmauer hoch über einer tropischen Bucht saß. Sie hatte nie besser ausgesehen – die gebräunte Haut straff und schimmernd; ihre Augen, hellbraun mit goldenen Flecken darin, zwinkerten, wie sie es immer taten, wenn sie im Begriff stand, eine witzige Bemerkung zu machen. Ihr Mund war geöffnet – Sonnenlicht glitzerte auf ihrem Lipgloss -, und sie redete, jedoch so leise, dass man sie nicht verstand. Es war zum Verrücktwerden. Dann steuerte der nicht schlafende Teil seines Hirns die Erkenntnis bei, dass die funkelnde Bucht irgendwo an der venezolanischen Küste lag, und der tropische Sonnenschein verblasste. Venezuela: Allein das Wort hatte noch immer destabilisierende Wirkung.
Direkt unter der Haut an Delias Schläfe pulsierte eine Ader, eine hervorstehende blaue Ader, geformt wie ein Blitz. Sofort wechselte das Wetter, eine kühle Brise kam auf und zerzauste ihre Haare. Es wurde ungemütlich. Roy streckte den Arm aus, um über ihre Locken zu streichen, doch die Haare, die er berührte, waren nicht Delias: feiner und glatt, nicht lockig.
Er schlug die Augen auf. Winterlicht, vereistes Fenster, Poster von Skiläufern an den Wänden, Jens Zimmer.
»Ich habe es immer gehasst, wenn Männer das getan haben«, sagte Jen, ihre Stimme noch schlaftrunken.
Roy drehte den Kopf. Die Augen, die ihn beobachteten – blassblau, nicht braun -, waren auf ihre Art sehr hübsch. »Was getan haben?«, fragte er.
»Mein Haar berührt.«
Er zog die Hand zurück. Blonde Haare, nicht braun; jenes besondere Braun, ebenfalls mit goldenen Strähnen.
»Aber bei dir ist es okay.« Jen wartete, vermutlich darauf, dass er etwas sagte oder tat. Roy fiel nichts ein. Ihre Gesichter waren dreißig Zentimeter voneinander entfernt. Jen war sehr attraktiv, ihre Haut ein bisschen wettergegerbt, doch Roy gefiel sie deswegen umso besser. Die Überreste des Traums lösten sich in winzige Fetzen auf und verschwanden.
»Geht es dir gut?«, fragte Jen.
»Sehr gut.«
Unter der Decke presste sie ihr Bein an seins. »Ich habe gestern eine Nachricht bekommen. Aus heiterem Himmel.«
»Eine gute?«, fragte Roy.
»Ich glaube schon – ein Stellenangebot.«
»Was für eine Stelle?«
»Dasselbe, was ich jetzt auch mache.« Sie leitete die Skischule am Mount Ethan, zwanzig Minuten von ihrer Eigentumswohnung entfernt. »Aber in wesentlich größerem Maßstab, und das Gehalt ist doppelt so hoch.«
»Wo?«, fragte Roy und dachte an Stowe, oder vielleicht Killington, ein wenig weiter.
Jen senkte den Blick. »Keystone«, sagte sie.
»In Colorado?«
Sie nickte. Dann traf ihr Blick wieder seinen, vielleicht in dem Versuch, in sein Inneres zu sehen, ihn zu lesen.
»Nun«, sagte Roy. Und hätte fast einWarum heiraten wir nicht? folgen lassen. Warum nicht? Sie lebten jetzt seit zwei Jahren so, zwischen Affäre und gemeinsamer Wohnung. Gab es einen Grund, den nächsten Schritt zu unterlassen? Kein Mangel an gemeinsamem Wohlbefinden, kein Mangel an Zuneigung, an sexuellem Feuer. Ein Altersunterschied, ja – er war fast siebenundvierzig, Jen vierunddreißig -, außerdem wünschte sie sich Kinder und er nicht mehr, aber na und? Roy lächelte sie an.
»Nun was?«, fragte sie.
Und er wollte gerade damit herausplatzen – warum heiraten wir nicht? -, als ihm der Gedanke kam, dass dieses Herausplatzen nicht das Richtige war. Das konnte er besser. Und wäre außerdem ein formellerer Rahmen, zum Beispiel am Freitagabend bei Pescatore, nicht angemessener? Deshalb begnügte er sich für den Moment mit: »Glückwunsch.«
» Glückwunsch? «
»Zu dem Stellenangebot.«
»Oh«, sagte Jen. »Danke. Ich muss natürlich noch darüber nachdenken. Colorado ist weit.«
»Ich verstehe«, s