Kapitel 1
Montag, 4. September
Drei Uhr morgens.
Die Stunde des Wolfes, in der die Nacht am dunkelsten, am stillsten ist.
Die Zeit, in der Hexen ihr Unwesen treiben und ihr Meister, der Teufel, umgeht. Diese Stunde, in der das Böse erwacht und die meisten Verbrechen begangen werden. In der tiefste Ängste hervorkriechen und die Schlaflosen heimsuchen.
Die Stunde, in der Alpträume am realsten sind.
Selbst hier, abseits der Theater und Clubs, der Tattoo-Studios und Cafés unter der Regenbogenflagge, wo immer noch ein Hauch von Marihuana in der Luft liegt und von Love& Peace. Jenseits der Straßen, durch die Rock, Blues und Punk pulsieren und der rebellische Geist der Avantgarde. In denen sich der Rausch der Nacht dem Morgen entgegenstreckt, immer am Rand des Mutwillens, der Gewalt.
Hier, diesseits vom Washington Square Park und seinem Marmorbogen, versteckt zwischen klotzigen Apartmenthäusern, in denen es hip ist, reich zu sein wie Krösus, aber trendiger als am Central Park West. In einer der ruhigen, fast biederen Seitenstraßen, in der die Nächte still sind und verträumt, sogar in dieser Stadt, die angeblich niemals schläft.
Die Lampe auf dem Nachttisch streut ihren sanften Schein über Gemmas Gesicht. Über die Kissen und Laken, zerwühlt wie ein aufgerissenes Stück Asphalt. Im Halbdämmer des restlichen Schlafzimmers glüht das rote Auge des Fernsehers, im Lauf der Nacht vom Timer in den Standby-Modus versetzt.
Mit einem schmatzenden Geräusch löst sich Gemmas Unterarm vom Cover des Paperbacks, das sie im Schlaf an sich gepresst hat.
Gedämpftes Licht. Stimmen, die im Flüsterton aus dem Fernseher rieseln. Ein Buch. Gemmas dreifacher Talisman, um die Dämonen der Nacht in Schach zu halten.
Um diese Zeit werden sie ihr nichts mehr nützen, sie wird keinen Schlaf mehr finden, das weiß sie.
Sie stützt sich auf dem Waschbecken des winzigen Badezimmers ab, starrt sich selbst im Spiegel an, diese Fremde, die ihr viel zu vertraut ist.
Einzelne Locken haben sich aus dem Haargummi gelöst, kleben nass auf der Stirn, an den Schläfen; unter den Halogenlampen sieht ihr Gesicht grau und mürbe aus. Das Grün ihrer Augen ist zu einer undefinierbaren Farbe ausgelaugt, und die ersten Fältchen, nicht viele für vierunddreißig Jahre, haben sich vertieft.
Die Übelkeit wird sie den halben Tag begleiten, auch das weiß sie, und das Gefühl, nichts als staubige Holzwolle im Kopf zu haben.
Nach draußen zieht es sie, an die frische Luft, um in gleichmäßigen Joggingschritten den Schrecken des Traums davonzulaufen, seinen schalen Nachgeschmack auszuschwitzen und abzuschütteln.
Es ist noch zu früh. Selbst für die beschützte Idylle dort draußen, diese Hybride der Zehnerjahre aus neuem Yuppietum, grünen Smoothies und Fair-Trade-Kaffee mit Sojamilch.
Es ist die Nacht, der Gemma nicht traut. Reflexartig öffnet sie die Tür des Spiegelschranks, halbiert ihre Doppelgängerin mit einem scharfen Schnitt. Orange leuchten ihr die Tablettenfläschchen entgegen.Nur für den Notfall!, mahnt ihre eigene Handschrift auf einem Post-it, darunter erstreckt sich die Mobilnummer von Dr. Gould.
Gemma zögert, lässt dann die Schranktür zuschnappen.
Dies ist kein Notfall. Nur eine ganz gewöhnliche Nacht von Sonntag auf Montag; meist sind es die Wochenenden, die diese Träume mit sich bringen.
Während Kaffee durch die Maschine gurgelt, der Kühlschrank behaglich summt, schlägt Gemma Eier auf.
Backen beruhigt und tröstet. Das Abmessen von Mehl, Zucker und Backpulver hat etwas Verlässliches; all die vertrauten und tausendfach geübten Handgriffe, die aus simplen Zutaten einen Kuchen oder Muffins werden lassen, geben ihr Halt.
Wie früher, als Grandma noch da gewesen war.
Der frische Duft weicher Butter, der von Zitronenschale erinnern an zu Hause. An Nellie, die ihr das Backen beigebracht hat und deren Augen strahlen, wenn Gemma sonntags Selbstgebackenes in das Pflegeheim mitbringt.
Vanille und Zimt, Safran und Kakaopulver sind wie eine warme Umarmung. Nicht mit dem trügerischen Versprechen, dass alles gut wird, morgen oder nächste Woche oder in einem Jahr. Sondern mit der Gewissheit, dass alles für den Moment gutist, mag dieser auch noch so flüchtig sein.
Wie Gemma es bei Nellie gelernt hat. Bei Grandma.
Nur das Einschalten des Herds bedeutet einen Augenblick blanker Angst für Gemma. Jedes Mal wartet sie darauf, dass das Gas explodiert und das kleine Apartment in Feuer aufgeht.
Bis die blauen Flämmchen zahm aufglimmen und sie wieder atmen kann.
Trotzdem hat sie si