PROLOG
NIMM DAS MÄDCHEN NICHT MIT
CLAIRE
MAI 1995
ICH HATTE DEN GESTANK VON RAUCH in meiner Nase und mochte ihn nicht. Mammy sagte, es sei Weihrauch; dasselbe Zeug, das Pater Murphy sonntags in der Messe verbrannte.
Ich mochte es nicht, zur Messe zu gehen. Die Kirche fühlte sich stickig und alt und traurig an.
Am schlimmsten war, dass man eine ganze Stunde lang nicht reden durfte.
Eine Stunde fühlte sich wie eine Ewigkeit an, wenn man fünf war.
Irgendwie war die Kirche heute sogar noch schlimmer, und es war Dienstag.
Sie war trauriger.
Als ich mich umsah und all die weinenden Gesichter betrachtete, zupfte ich an einem losen Faden meiner Strickjacke und schwang meine Beine vor und zurück, wobei ich jedes Mal lächelte, wenn ich gegen die Rückseite der Kirchenbank vor mir trat.
»Sitz still, Claire«, wies Daddy mich an und legte eine Hand auf mein Knie. »Es ist gleich vorbei, Schätzchen.«
»Es stinkt«, flüsterte ich zurück und hielt mir die Nase zu. »Ich mag es nicht, Daddy.«
»Ich weiß, Schätzchen«, stimmte er zu und strich mir über die Locken. »Sei ein großes Mädchen für Daddy und bleib noch fünf Minuten schön ruhig.«
»Kann ich dann mit Gerard spielen?«
Er antwortete mir nicht.
»Kann ich heute mit Gerard spielen, Daddy?«, wiederholte ich und zog am Hosenbein seines Anzugs. »Bitte? Ich vermisse ihn.«
»Vielleicht nicht heute, Schätzchen«, erwiderte er, und dann tat er das, was die anderen Männer taten. Er beugte sich vor und drückte seine Daumen in seine Augen, um seine Tränen zu verbergen.
»Aber wieso denn nicht?«, argumentierte ich. »Er ist doch gleich da vorne.« Ich zeigte auf den vorderen Teil der Kirche. »Ich kann ihn sehen, Daddy.«
»Nein, Claire.«
»Aber –«
»Shh.«
Ich verstand das alles nicht.
Ich drehte mich zur Seite und sah meinen Bruder an. Er weinte auch. Mammy zog ihn an ihre Seite, als er an ihrer Schulter schluchzte.
»Hey, Hugh?«, flüsterte ich leise und bedeckte meinen Mund mit meinen Händen. »Willst du nach der Messe mit Gerard spielen?«
»Shh, Claire«, schniefte Mammy und benutzte das Ta