: Ahne, Mandana Katebian, Susanne M. Riedel, Spider, Heiko Werning, Falko Hennig, Frank Sorge
: Reformbühne Heim& Welt
: Schnauze. Die besten Texte der Literaturgeschichte
: Satyr Verlag
: 9783910775473
: 1
: CHF 11.70
:
: Humor, Satire, Kabarett
: German
: 240
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Kurzgeschichten, Satiren, Essays, Gedichte, Lieder und Wahnsinn aller Art, oft lustig, manchmal bizarr, immer sehr gut. Sie treffen sich jeden, aber auch jeden verdammten Sonntag auf den schönsten Bühnen des Prenzlauer Bergs, teilen Gedanken über Bolle und Bier, Trends und Tränen, Gott und die Welt und bringen ihre brandaktuellen Texte zu Gehör. Dieses Buch versammelt sie nun, die besten Texte der Reformbühne Heim& Welt, und es sollte in keinem gut sortierten Bücherschrank fehlen. Warum? - Weil die besten Texte der Reformbu?hne Heim& Welt zugleich die besten Texte der Literaturgeschichte sind. Glauben Sie nicht? - Schnauze. »Metropolenprosa, eine neue und vergleichsweise anspruchsvolle Form der Unterhaltung jenseits von RTL.« Der Spiegel

Die Reformbühne Heim& Welt trifft sich seit 1995 jeden, aber auch wirklich jeden verdammten Sonntag auf irgendeiner Berliner Bühne (die im Hinterzimmer einer Kneipe oder im Roten Salon der Volksbühne stehen kann) und bringt ihre brandaktuellen Texte zu Gehör. Mitglieder waren bundesweit bekannte Autor*innen wie Bov Bjerg, Wladimir Kaminer, Jakob Hein, Daniela Böhle, Sarah Schmidt und Manfred Maurenbrecher. Auch in ihrer aktuellen Besetzung, be­ste­hend aus Falko Hen­nig, Ahne, Frank Sorge, Susan­ne M. Riedel, Heiko Werning, Spider und Mandana Katebian liefert die Reformbühne Sonntag für Sonntag in der Schankwirtschaft BAIZ frische Texte zwischen Belehrung und Erbauung, Politik und Alltag, Satire und Kurzgeschichte.

Ich bin auch ein Vertriebener
Heiko Werning


Christi Himmelfahrt, auch so ein Feiertag, von dem niemand weiß, was er eigentlich bedeutet, am allerwenigsten die Irren, die ständig für den Erhalt des christlichen Abendlands kämpfen. Ausnehmen von dieser Hypothese würde ich lediglich Neukirchen beim Heilig Blut im Bayerischen Wald. Der Ort ist dermaßen mit Kreuzen, Kreuzgängen, Kapellen und Kirchen zugestellt, dass ich überzeugt bin: Wenn irgendwer weiß, wozu Christi Himmelfahrt gut ist, dann die Neukirchner vom Heiligen Blut. Das Wetter ist perfekt, die sanfte Hügellandschaft leuchtet im frischen Maiengrün vor strahlend blauem Himmel. Und mit dem unverständlichen Idiom dort ist es im Grunde ähnlich wie im heimischen Wedding: Es kann so entspannend sein, wenn man nicht weiß, was die Leute reden. Man kann sich einbilden, sie unterhielten sich über interessante Dinge oder schimpften zumindest nicht in einem fort über die Lügenpresse, die Zwangsgebühren, die da oben oder die Flüchtlinge.

Wobei der Begriff Flüchtlinge hier leicht zu Verwirrungen führen kann. Denn ich bin hier, um am Vertriebenen-Treffen der Sudetendeutschen aus dem Örtchen Neuern im Böhmerwald teilzunehmen. Das ist etwa 25 Kilometer von Neukirchen beim Heiligen Blut entfernt und heißt heute Nyrsko. Mein Schwiegervater wurde dort 1930 geboren. Der Tag der Befreiung bedeutete für seine Familie und ihn nicht nur, dass der Krieg endlich vorbei war, sondern auch, dass bald darauf tschechische Polizisten vor der Tür standen und ihn, gerade 15 Jahre alt, zur Zwangsarbeit nach Mochtín abtransportierten. Ein Jahr später durfte er zurück nach Hause, wo kurz darauf erneut die Polizei vor der Tür stand, diesmal, um ihm und seiner Familie mitzuteilen, dass sie das Land verlassen müssen. 30 Kilo Gepäck pro Person durften sie mitnehmen, im Bahnhof von Klattau, heute Klatovy, warteten die Züge, in die sie hineingestoßen wurden. Weil dort noch Unterbringungskapazitäten für Flüchtlinge frei waren, kam mein Schwiegervater nach Magdeburg, wo er bei einem Bauern zwangseinquartiert wurde. Es klingt irritierend nach Flüchtlingsgeschichten, wie wir sie heute täglich hören.

Als meine Mutter in Münster, die genauso alt ist wie mein Schwiegervater, mir neulich erzählte, dass sie Angst habe wegen der vielen Flüchtlinge, die jetzt nach Deutschland kommen, war ich erst ziemlich genervt, dass sie den ganzen Besorgte-Bürger-Idioten auf den Leim gehe. Obwohl ich es, zugegebenerweise, selbst ein wenig eigenartig fand, als ich durch die Straßen meines alten heimatlichen Vorortes Gremmendorf ging. Dort kamen mir jetzt mehr Frauen mit Kopftuch und Dunkelhäutige entgegen als im Wedding, und das mitten in unserer spießbürgerlichen Einfamilienhaussiedlung. Aber dort stehen auch Kasernen, und in die waren bis vor Kurzem die Briten einquartiert, die völlig zu Recht aufpassten, ob die Deutschen nach dem 8. Mai 1945 nicht wieder im Begriff waren, durchzudrehen, und es ist mir völlig unverständlich, wieso die eigentlich schon alle abgehauen sind, wo man sich doch in der gegenwärtigen Lage viel eher wünschte, sie zögen noch ein paar Bataillone zur Sicherheit nach. Wie dem auch sei, ihre ehemaligen Kasernen jedenfalls finden nun ein überraschendes zweites Leben als Flüchtlingsheime. So sind also plötzlich 4.000 Asylbewerber aus aller Welt in meinem alten Heimatstadtteil Münster-Gremmendorf gelandet, und ein klein wenig stolz darauf bin ich schon, dass die Gremmendorfer lieber Pakete mit Kleidern und Spielzeugen zum Heim bringen als davor zu protestieren und die Bewohner anzupöbeln. Einzig ein türkischer Nachbar verbreitete schlechte Stimmung und sagte, dass er seine 14jährige Tochter nun nicht mehr allein in Gremmendorf auf die Straße lasse, weil die ganzen Syrer da rumlungerten. Und meine Mutter hat sich ein Fahrradschloss gekauft, mit dem sie nun ihr Gartentor sichert. Ist das sch