PROLOG
Mallory
Juni 2019
Mystic, Connecticut
Mit einem Kuss verabschiedete ich mich an einem Samstagmorgen Ende Juni von Sam, und der Anruf, der mein Leben veränderte, kam am darauffolgenden Freitagnachmittag.
Eigentlich kam der Anruf zweimal herein. Ich hatte meinen Schreibtisch verlassen, um etwas Gartenarbeit zu erledigen. Ich erinnere mich, dass die Tomaten in diesem Sommer wie verrückt wuchsen und die Rosen an ihren Büschen explodierten. Alles war so üppig. Manchmal, wenn ich bei einer Idee feststecke, hilft es mir, für eine Weile etwas anderes zu tun, etwas mit den Händen, etwas Nützliches, und dieser Knoten in meinem Kopf entwirrt sich und löst sich im Brotteig oder dem Seifenwasser oder im Stapel gefalteter Wäsche auf.
Oder in der weichen, reichen Erde eines Gemüsebeetes.
Noch immer erfüllt es mich mit Schrecken, wenn ich auf dieses Stück Erde blicke und mich daran erinnere, wie ich dort kniete, die üppigen neuen Ranken abstützte und vor mich hinsummte, während sich in meinem Kopf ein neues Muster formte – eine sich windende Ranke in einem makellosen Frühlingsgrün, nicht zu dunkel und nicht zu hell, in der Farbe der Verheißung, mit zarten Trieben und Blättern, die sich von der Mutterranke wegkräuselten.
Kurz vor drei stand ich auf, klopfte meine Jeans ab, streifte meine Handschuhe ab und ging ins Haus, um ein Glas Wasser und meinen Skizzenblock zu holen.
Ich erinnere mich, mein Handy lag auf der Küchentheke, weil ich es nicht mit nach draußen genommen hatte. Du weißt ja, wie das ist. Ich wollte nur für ein paar Minuten rausgehen, um etwas Unkraut zu jäten, vielleicht die Tomaten zu gießen, frische Luft zu atmen, aber eins führte zum anderen. Es war ein wunderschöner Tag, 27 Grad und nicht so schwül, wie es später im Sommer wird. Eine Brise wehte vom Mystic River herüber, ein Hauch von Salzwasser. Touristen würden die Zugbrücke für ein Eis stürmen. Im Aquarium würden Kinder vor Freude kreischen, wenn die Belugas auf der anderen Seite des Plexiglases vorbeischossen. Jedenfalls lag mein Handy einsam auf der Theke, also nahm ich es, um ein paar wichtige oder weniger wichtige Nachrichten zu lesen und ein bisschen zu scrollen. Stattdessen sah ich, dass ich zwei Anrufe vom Camp Winnipesaukee verpasst hatte.
Du kennst dieses Gefühl. Jeder Mensch, der Kinder hat, kennt dieses Gefühl.
Wahrscheinlich ist nichts, denkst du,wahrscheinlich nur ein paar fehlende Unterlagen oder impulsives, unangemessenes Verhalten. Vielleicht eine Schlägerei, Gott bewahre. Kinder konnten in diesem Alter mitunter zügellos sein.
Aber dein Körper reagiert nicht so logisch, oder? Dein Körper ist für Katastrophen programmiert. Dein Körper springt direkt zum schlimmsten Szenario. Dein Magen dreht sich um, deine zitternde Hand greift nach dem Telefon. Dein Herz pocht gegen deinen Brustkorb.
Du wischst zur Telefonnummer, um zurückzurufen.
Mit gespielter Fröhlichkeit trötest du:Hallo! Hier ist Mallory Dunne. Sams Mutter. Sie haben versucht, mich zu erreichen?
Und du hörst die winzige, stille Pause, den Bruchteil eines Seufzers, weil die Person am anderen Ende Mut für die vor ihr liegende Aufgabe sammelt.
Dann die gefürchteten Worte:
Mrs. Dunne, ich fürchte, ich habe schlechte Neuigkeiten.
Ich glaube, die ganzen drei Stunden nach New Hampshire muss ich in einem Schockzustand gefahren sein.Jetzt nur nicht in Panik geraten, redete ich mir immer wieder ein.Das passiert gerade nicht wirklich. Das ist nur ein Film, den du dir ansiehst, ein Drehbuch, das du durchspielst. So wie das Metaversum! Was auch immer das war.
Das hier ist jedenfalls nichtreal.
Nicht dein echter Sohn, die Liebe deines Lebens.
Ich erinnere mich, wie ich meine Kaffeetasse ausspülte und in die Spülmaschine stellte, b