Wenn Gott schweigt
Alles nur ein Märchen?
Meine Kinder bringen hin und wieder ein Freundschaftsbuch zum Ausfüllen nach Hause. Eine beliebte Frage darin lautet: »Was ist dein Lieblingsfilm oder deine Lieblingsserie?« Während ich über meine Antwort für ihr Freundschaftsbuch nachdachte, fiel mir eine Gemeinsamkeit bei meinen Favoriten auf. In jeder Geschichte vollzieht sich eine tiefgreifende Wandlung hin zum Schönen und Guten. Das Biest wird zum liebenden Prinzen, eine unscheinbare Sängerin zum weltberühmten Star, eine verfallene Hütte zum Traumhaus – die Liste berührender oder beeindruckenden Verwandlungen ließe sich unendlich fortführen.
Ich liebe diese Momente, in denen die Verwandlung förmlich greifbar wird und das Grande Finale seinen Höhepunkt erreicht. Mag sein, dass solche Szenen oft kitschig, unrealistisch oder wie ein Märchen wirken, doch sie wecken in mir eine tiefe Sehnsucht nach dem Guten, Schönen und Vollkommenen. Sie nähren die Hoffnung, dass am Ende tatsächlich alles gut wird – dass es nicht nur im Film, sondern auch im echten Leben ein Happy End geben kann.
Doch im Alltag erleben wir leider immer wieder, dass dieses Happy End ausbleibt. Das Gute und Schöne siegen nicht immer. In meinem Leben gab es jedenfalls diese Momente, in denen die märchenhafte Wendung ausblieb.
Ein Wort
Es begann alles mit einem einzigen Wort. Nur ein Wort hatte von jetzt auf gleich das Zepter meines Lebens übernommen, meine Kindheit bestimmt und den Lauf meiner Geschichte verändert. Ich hatte schon als kleines Kind von diesem Wort gehört und wahrgenommen, dass es sich hier nicht immer um ein Tier handeln konnte – es sei denn, es wäre das gefährlichste Tier der Welt. Ich konnte mir jedoch lange nicht vorstellen, dass sich hinter einem einzigen Wort so viel Zerstörungskraft verbarg. Doch da war es. Ein Wort.
KREBS.
Er hat Krebs. Sie hat Krebs.
Er – mein Vater. Ich war ein Kind, als er die Diagnose bekam, und eine Teenagerin, als er starb. Dann, viele Jahre später, sie – meine Schwägerin. Es war wie ein schlechtes Déjà-vu, eine beinahe absurde Wiederholung der Geschichte. Als würde ich von außen zuschauen und auf die große Wende warten, die den Weg, die Schmerzen und das Leid rechtfertigen würden. Ein düsteres Märchen, das wie die disharmonischen Klänge einer extravaganten Symphonie auf seinen Wendepunkt wartet – den Moment, in dem all der Schmerz sich schließlich im großen Finale – in Gottes Wunder und einem strahlenden Happy End – auflösen würde. Nur ein Wunder würde den Kreis beider Dramen schließen und ins Gute und Göttliche wandeln können. Oder?
Nur wenige Monate vor der Krebsdiagnose meiner Schwägerin schloss ich mein Fotodesign-Studium erfolgreich ab, heiratete die Liebe meines Lebens, und gemeinsam zogen wir für das Auslandssemester meines Mannes nach Australien. Alles wirkte wie im Märchen. Doch noch während wir im Flieger saßen, holten mich eine tiefe Traurigkeit und Schwere ein, die ich allzu gut, aber noch nicht in dieser Intensität kannte. So landeten wir am anderen Ende der Welt – für die meisten ein Traum, der in Erfüllung geht, für mich der Start einer Depression. Es war, als kämpfte ich gegen einen unsichtbaren Gegner, der