Kapitel 5
Verwandtenbesuch
»Das müsste er sein«, sagte Antonias Mutter, als sie aus dem Küchenfenster schaute. Von dort aus hatte man einen guten Überblick über den Parkplatz der Seeburg.
»Onkel Thomas?«, rief Sina, Antonias kleine Schwester, und rannte zu ihr, gefolgt von ihrem Bruder Luca.
Die Zwillinge waren aufgeregt. Sie wollten unbedingt ihren Onkel kennenlernen, denn sie waren ihm noch nie begegnet. Irgendwann war der Kontakt zu dem älteren Bruder ihres Vaters abgerissen. Antonia wusste von Thomas nur, dass er als Fotograf in der Welt herumreiste. Das letzte Mal, als sie ihn gesehen hatte, war sie fünf Jahre alt gewesen. Das war bei irgendeiner Ausstellung in München gewesen.
Neugierig ging sie zum Fenster und sah ebenfalls hinaus. Auf dem Parkplatz parkte ein alter VW-Bus.Bin gespannt, wie er aussieht, dachte sie. Ihre Erinnerungen an Thomas waren verschwommen, ein Lächeln, eine tiefe Stimme, nur Details. Sie erinnerte sich an ein Fotoalbum, das ihre Mutter einmal hervorgeholt hatte. Darin waren Bilder von Thomas gewesen, wie er mit einer Kamera in der Hand vor exotischen Kulissen posierte.
Sina und Luca drängten sich an der Scheibe, ihre kleinen Gesichter voller Erwartung. Der Motor des VW-Busses ging aus, die Tür öffnete sich und ein Mann stieg aus. Sein graues, leicht zerzaustes Haar schimmerte im Sonnenlicht. Er zog seine verspiegelte Sonnenbrille ab. Sein freundliches Gesicht war rund um die Augen von Lachfalten gezeichnet. Er sah Andreas auf eine seltsame Art ähnlich, auch wenn er viel lässiger wirkte.
Mit einer geschmeidigen Bewegung holte Thomas einen großen, abgenutzten Reisekoffer aus dem Kofferraum. Dieser war übersät mit bunten Aufklebern. Als er sich umdrehte und an der Fassade der Seeburg hinaufsah, bemerkte er die Kinder am Fenster. Er lachte und winkte ihnen zu. In diesem Moment erschien auch schon Andreas auf dem Parkplatz. Die beiden Brüder drückten sich herzlich.
Kurz darauf traten sie in die Küche. »Thomas, es ist so schön, dich wiederzusehen!«, rief Gitti und umarmte ihren Schwager. »Danke, dass du uns in dieser schwierigen Zeit beistehst.«
»Das ist doch selbstverständlich. Wenn ich helfen kann, tu ich das. Außerdem war die Seeburg ja auch mein Zuhause. Auch wenn ich selten hier bin – der Gedanke, dass unsere Familie sie verlieren könnte, ist bitter.«
»Hallo Onkel Thomas«, rief Luca und hüpfte von einem Bein auf das andere, »ich hab dir ein Bild gemalt.« Er streckte Thomas ein Blatt Papier entgegen.
Seine Schwester wollte nicht zurückbleiben. »Und das ist von mir!«, rief sie und hielt ebenfalls ein Bild hoch.
Thomas lachte herzlich und nahm beide Bilder entgegen. »Vielen Dank euch. Das habt ihr ganz toll gemacht!«
»Onkel Thomas, willst du unser Zimmer sehen?«, fragte Sina und griff die Hand ihres Onkels.
»Jetzt mal langsam«, unterbrach Gitti sie. »Lasst ihn doch erst einmal hereinkommen.«
»Und du bist Antonia?«, fragte Thomas und sah Antonia an.
Sie nickte und sagte: »Hallo Onkel Thomas, cool, dass du da bist. Von wo kommst du gerade?«
»Ich war die letzten drei Woch