Kapitel 2
Mary Horton drehte ihr langes und sehr dickes Haar zu dem gewohnten Knoten im Nacken, schob zwei weitere Nadeln hinein und betrachtete ihr Spiegelbild ohne Freude oder Kummer, ja sogar ohne Interesse. Der Spiegel war gut und warf ihr Bild zurück, ohne ihm zu schmeicheln oder es zu verzerren; und hätte sie es einer gründlicheren Betrachtung unterzogen, so hätte sie eine kleine, eher stämmige Frau mittleren Alters gesehen, deren weiße Haare, farblos wie Kristall, streng aus dem eckigen, aber regelmäßigen Gesicht gekämmt waren. Ein Make-up trug sie nicht, hielt es für eine nutzlose, nur der Eitelkeit dienende Verschwendung von Zeit und Geld. Die Augen selbst waren dunkelbraun und hellwach, energische Augen, welche die ein wenig harten Züge unterstrichen. Ihre Kleidung bestand aus dem, was ihre Arbeitskollegen seit langem nur noch als Äquivalent einer Militäruniform oder eines Nonnenhabits empfanden: aus einer frischen weißen, bis zum Hals zugeknöpften Hemdbluse unter der Jacke eines streng geschnittenen grauen Leinenkostüms. Der Rocksaum reichte züchtig bis unters Knie, der Rock selbst war so weit und bequem, daß er nicht hochrutschte, wenn sie sich setzte, die Beine steckten in praktischen dicken Stützstrümpfen, und an den Füßen trug sie schwarze Schnürschuhe mit kräftigen Blockabsätzen.
Die Schuhe waren gewienert, daß sie spiegelten, kein Fleck verschandelte das Weiß ihrer Hemdbluse, kein Fältchen die perfekte Bügelglätte ihres Leinenkostüms. Immer und zu jeder Zeit makellos zu sein war eine richtige Besessenheit bei Mary Horton; die junge Büroassistentin in ihrer Firma schwor heilige Eide, sie habe gesehen, daß Miss Horton, ehe sie die Toilette benutzte, sorgfältig ihre Kleider ablegte und sie auf einen Bügel hängte, damit sie nicht kraus wurden.
In der beruhigenden Gewißheit, daß sie damit ihren unbeugsamen Maßstäben entsprach, stülpte Mary einen schwarzen Strohhut auf die Oberkante ihres Knotens, schob eine Hutnadel hindurch, streifte die schwarzen Nappalederhandschuhe über und zog ihre geräumige Handtasche an den Rand des Toilettentischs. Nachdem sie die Tasche geöffnet hatte, prüfte sie sorgfältig, ob sie auch alles eingesteckt hatte: Schlüssel, Geld, Taschentuch, Ersatz-Monatsbinde, Bleistift und Notizbuch, Terminkalender, Ausweis- und Kreditkarten, Führerschein, Parkplatzausweis, Sicherheitsnadeln, Stecknadeln, Etui mit Nähnadel und Faden, Schere, Nagelfeile, zwei Ersatz-Blusenknöpfe, Schraubenzieher, Zange, Drahtschere, Taschenlampe, Metallmaßband in Zentimetern und Zoll, die Schachtel mit den ,38er Patronen und den Polizeirevolver.
Sie war ein erstklassiger Schütze. Es gehörte zu ihren Aufgaben, die Bankangelegenheiten der Firma Constable Steel& Mining zu verwalten, und seit dem Tag, da sie einem Dieb, der mit den Lohngeldern der Constable Steel& Mining unter dem Arm auf und davon wollte, einen sauberen Schuß verpaßt hatte, gab es in ganz Sydney keinen Verbrecher mehr, der die Verwegenheit besessen hätte, Miss Horton auf dem Rückweg von der Bank zu überfallen. Sie hatte damals ihren Aktenkoffer so gleichmütig, mit so großer Selbstbeherrschung und ohne jeglichen Protest hergegeben, daß der Strolch sich hundertprozentig in Sicherheit glaubte; kaum hatte er sich jedoch abgewandt, um davonzulaufen, öffnete sie die Handtasche, nahm ihre Pistole heraus, zielte und schoß. Sergeant Hopkins vom Pistolenschießstand der Polizei behauptete, sie könne schneller ziehen als Sammy Davis junior.
Mit vierzehn Jahren schon auf sich selbst angewiesen, hatte sie im CVJM mit fünf anderen jungen Mädchen zusammen ein Zimmer bewohnt und als Verkäuferin gearbeitet, bis sie den Abendkurs für Sekretärinnen geschafft hatte. Mit fünfzehn hatte sie im großen Schreibsaal der Constable Steel& Mining angefangen zu arbeiten – so bedürftig, daß sie Tag für Tag dieselbe gewissenhaft gew