: Ulla Mothes
: Ich spüre dich leben
: PalmArtPress
: 9783962582210
: 1
: CHF 17.10
:
: Erzählende Literatur
: German
: 420
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der böse Banker und die gute Ehefrau - so einfach ist es selten, und schon gar nicht in dieser Liebesgeschichte. Das Paar ringt um Licht in tiefe Unterströmungen seiner Zweisamkeit und gleichzeitig unserer Gegenwart. In funkelnder Sprache erzählt Ulla Mothes vom Wegschauen und der Ehrlichkeit zu sich selbst. Die Zerrissenheit geht unter die Haut. Unmittelbar vor der Geburt ihres Kindes erhält Stella den Abschiedsbrief ihres Mannes Falk, der sich der Überführung als Betrüger in seinem Job als Investmentbanker entzogen hat. Allein, überfordert mit dem Baby verzweifelt sie an der Frage: Hat er ihre Liebe wirklich verraten? Wie kann das sein? Sie beide, ein Doppelpack seit Kindertagen. Sie meint zu spüren, dass er noch lebt, flüchtet sich in einen Verschwörungsglauben: ihr Mann, abgefischt von Mächtigen, die sein Talent benutzen. Falk hat sich als Fred nach Afrika abgesetzt, um seine Frau und sein Kind vor dem sozialen und finanziellen Absturz zu schützen. Er beschäftigt sich kritisch mit seinem alten Ich als Banker und startet neu. Dann sehen sich die beiden auf Sansibar wieder, aber sie flieht ihn. Das auf der Insel tradierte uralte Wissen der Menschen von überallher bewirkt schließlich, dass beide Versagen und Trauer zulassen. Sie begreifen, was wirklich mit ihnen geschehen ist. Und finden die Kraft, ihre Fluchten aufzugeben und sich einen verantwortungsvollen Umgang miteinander und mit der Welt zu erkämpfen.

Ulla Mothes wuchs behütet im nördlichen Brandenburg und Berlin auf. 1986 ließ sie bei ihrer Ausreise aus der DDR alles hinter sich. Innere Verlassenheit und das Ringen, mit sich eins zu werden, sind ihre Erzählmarke. In ihren Werken stellt sie sich immer eine gesellschaftliche Frage. Nach ihren Familienromanen Geteilte Träume und Flüchtiges Glück über die Zeit der deutschen Teilung und ihre Nachwehen legt sie den Finger auf hochaktuelle Probleme. Bei Morgenluft geht es um die Kraft der Gemeinschaft. Ich spüre dich leben handelt von der Courage, nicht wegzuschauen. Die passionierte Lektorin und Autorin hat eine Zeit lang in Frankfurt am Main gelebt und den kulturellen Schmelztiegel Sansibar erkundet. Zu Hause ist sie in Berlin. Preisträgerin White Raven; Shortlist DELIA-Literaturpreis.

Flucht


In den Wolken

Das Flugzeug war wie in graue Watte gepackt. Genau wie ich mich fühlte. Beinahe schwerelos, wie schwebend in einem Uterus vielleicht. Boah, dieser Vergleich. War ja klar, dass der mir einfallen musste. Stella hätte gesagt, dass das Baby mich geleitet hätte. Das Kind, das vielleicht in diesem Moment zur Welt kam. Gleißender Schmerz durchzuckte mich, als das Flugzeug die Wolkendecke durchbrach. Ich schnappte nach Luft. Das plötzliche helle Licht blendete. Der erste Tag in meinem neuen Leben war angebrochen. In meinem Leben als Fred.

Ich schloss die Augen vor der grellen Sonne. Sie brannten. Seit über dreißig Stunden hatte ich nicht geschlafen. Die letzte Nacht, die ich – nein, die Falk neben Stella verbracht hatte, hatte er wach gelegen, ihrem Atem gelauscht, ihren Duft eingesaugt und seine Finger über ihren Bauch gespreizt. Ein Füßchen am Rippenbogen! Dann das Köpfchen durch die Bauchdecke in die hohle Hand gestemmt!

Ich schaute auf meine Hand. Unwillkürlich hatte ich sie zu einer Schale gewölbt, in die der Kindskopf passte. Ich ballte sie zur Faust. Falk ist tot! Du bist Fred.

Ja, so war es. Falk hatte in dieser letzten Nacht alles in sich aufgenommen, sich verabschiedet über die Stunden hinweg. Der Morgen war früh heraufgedämmert, und Stellas Züge, ihr von der Schwangerschaft leicht gerundetes Gesicht, ihre feinen Augenbrauen, ihre sexy aufgeworfenen Lippen hatten sich nach und nach abgezeichnet. Du siehst es zum letzten Mal.

Als sie die Augen aufgeschlagen hatte, hatte er den Trennstrich gezogen und ihr nicht mehr ins Gesicht geblickt, bis er zur gewohnten Zeit aus dem Haus gegangen war. Er hatte Eile vorgetäuscht, um ihr keinen Abschiedskuss mehr geben zu müssen. Weg!

Dann die Verwandlung an einem verschwiegenen Ort. Der Brief, der am Abend zugestellt werden würde, wenn Falk endgültig verschwunden war. Stunden des Wartens im Niemandsland der Transitzone des Frankfurter Flughafens.

* * *

Ich blinzelte in die dunkle Kabine. Ich musste eingeschlafen sein. Unter mir dehnte sich die Sahara im Mondlicht. Wer bist du? Fred Körner. Geboren am selben Tag wie Falk Schönfeld. Ich betete meine Daten im Geiste herunter. Das hatte mir die gepflegte ältere Frau eingeschärft, die mich zu Fred gemacht hatte. Immer wieder vergegenwärtigen, jeden Morgen nach dem Aufwachen, besonders am Anfang. Sie hatte mir auch geraten, so wenig zu lügen wie möglich. Deshalb entsprachen meine Daten weitestgehend denen von Falk. Geboren auf dem platten Land 1990. Abitur in der Kreisstadt, Studium der Betriebswirtschaftslehre und Finanzwirtschaft in Frankfurt, Arbeit in einer Bank, dann – und wer hinterfragte so was schon – zu viel Bad Vibes, Druck und Stress, schließlich Aussteiger. Nur das Wichtigste in Falks Leben, Stella, war ausradiert.

Sie fehlt mir so sehr.

Nein, nicht dir, du bist Fred.

Stella … Ob sie unser Kind schon geboren hat? … Denk nicht dran. Du bist Fred! Du hast kein Kind … Es sollte ein Junge werden … Ein Sohn …

Es war sinnlos. Ich konnte nicht daran vorbeidenken. Das war das Schlimmste, zu gehen, obwohl wir – nein, Stella und Falk! Halt Abstand, Fred Körner! – ein Kind bekamen. Da war die Grenzlinie zwischen Gestehen und Standhaftbleiben am dünnsten gewesen. Einmal hatte ich, hatte Falk sie fast übertreten. Es war, als wir – nein, als sie, schalt um, Fred!

Ich setzte mich auf. Du musst Falk von dir abspalten, sonst wird das nichts. Aber ging das überhaupt? Als Antwort stürzte die Erinnerung an den Moment auf mich ein, als ich beinahe alles verdorben hatte.

Ich ergab mich, ließ sie kommen, so bitter es auch war.

Es war wenige Wochen her. Stella und ich hatten nach einem Tutorial auf dem Tablet das An- und Auskleiden eines Säuglings, das Wickeln und das Halten beim Baden geübt. Und zwar mit Stellas alter Babypuppe, die einen Stoffkörper hatte, der sie total lebendig wirken ließ.

Ic