Flucht
In den Wolken
Das Flugzeug war wie in graue Watte gepackt. Genau wie ich mich fühlte. Beinahe schwerelos, wie schwebend in einem Uterus vielleicht. Boah, dieser Vergleich. War ja klar, dass der mir einfallen musste. Stella hätte gesagt, dass das Baby mich geleitet hätte. Das Kind, das vielleicht in diesem Moment zur Welt kam. Gleißender Schmerz durchzuckte mich, als das Flugzeug die Wolkendecke durchbrach. Ich schnappte nach Luft. Das plötzliche helle Licht blendete. Der erste Tag in meinem neuen Leben war angebrochen. In meinem Leben als Fred.
Ich schloss die Augen vor der grellen Sonne. Sie brannten. Seit über dreißig Stunden hatte ich nicht geschlafen. Die letzte Nacht, die ich – nein, die Falk neben Stella verbracht hatte, hatte er wach gelegen, ihrem Atem gelauscht, ihren Duft eingesaugt und seine Finger über ihren Bauch gespreizt. Ein Füßchen am Rippenbogen! Dann das Köpfchen durch die Bauchdecke in die hohle Hand gestemmt!
Ich schaute auf meine Hand. Unwillkürlich hatte ich sie zu einer Schale gewölbt, in die der Kindskopf passte. Ich ballte sie zur Faust. Falk ist tot! Du bist Fred.
Ja, so war es. Falk hatte in dieser letzten Nacht alles in sich aufgenommen, sich verabschiedet über die Stunden hinweg. Der Morgen war früh heraufgedämmert, und Stellas Züge, ihr von der Schwangerschaft leicht gerundetes Gesicht, ihre feinen Augenbrauen, ihre sexy aufgeworfenen Lippen hatten sich nach und nach abgezeichnet. Du siehst es zum letzten Mal.
Als sie die Augen aufgeschlagen hatte, hatte er den Trennstrich gezogen und ihr nicht mehr ins Gesicht geblickt, bis er zur gewohnten Zeit aus dem Haus gegangen war. Er hatte Eile vorgetäuscht, um ihr keinen Abschiedskuss mehr geben zu müssen. Weg!
Dann die Verwandlung an einem verschwiegenen Ort. Der Brief, der am Abend zugestellt werden würde, wenn Falk endgültig verschwunden war. Stunden des Wartens im Niemandsland der Transitzone des Frankfurter Flughafens.
* * *
Ich blinzelte in die dunkle Kabine. Ich musste eingeschlafen sein. Unter mir dehnte sich die Sahara im Mondlicht. Wer bist du? Fred Körner. Geboren am selben Tag wie Falk Schönfeld. Ich betete meine Daten im Geiste herunter. Das hatte mir die gepflegte ältere Frau eingeschärft, die mich zu Fred gemacht hatte. Immer wieder vergegenwärtigen, jeden Morgen nach dem Aufwachen, besonders am Anfang. Sie hatte mir auch geraten, so wenig zu lügen wie möglich. Deshalb entsprachen meine Daten weitestgehend denen von Falk. Geboren auf dem platten Land 1990. Abitur in der Kreisstadt, Studium der Betriebswirtschaftslehre und Finanzwirtschaft in Frankfurt, Arbeit in einer Bank, dann – und wer hinterfragte so was schon – zu viel Bad Vibes, Druck und Stress, schließlich Aussteiger. Nur das Wichtigste in Falks Leben, Stella, war ausradiert.
Sie fehlt mir so sehr.
Nein, nicht dir, du bist Fred.
Stella … Ob sie unser Kind schon geboren hat? … Denk nicht dran. Du bist Fred! Du hast kein Kind … Es sollte ein Junge werden … Ein Sohn …
Es war sinnlos. Ich konnte nicht daran vorbeidenken. Das war das Schlimmste, zu gehen, obwohl wir – nein, Stella und Falk! Halt Abstand, Fred Körner! – ein Kind bekamen. Da war die Grenzlinie zwischen Gestehen und Standhaftbleiben am dünnsten gewesen. Einmal hatte ich, hatte Falk sie fast übertreten. Es war, als wir – nein, als sie, schalt um, Fred!
Ich setzte mich auf. Du musst Falk von dir abspalten, sonst wird das nichts. Aber ging das überhaupt? Als Antwort stürzte die Erinnerung an den Moment auf mich ein, als ich beinahe alles verdorben hatte.
Ich ergab mich, ließ sie kommen, so bitter es auch war.
Es war wenige Wochen her. Stella und ich hatten nach einem Tutorial auf dem Tablet das An- und Auskleiden eines Säuglings, das Wickeln und das Halten beim Baden geübt. Und zwar mit Stellas alter Babypuppe, die einen Stoffkörper hatte, der sie total lebendig wirken ließ.
Ic