I
»Nein, tut mir leid. Wirklich. Wir brauchen Sie nicht. Lassen Sie uns in Ruhe. Wir haben keinen Platz für Sie und außerdem: Unsere Alten sind nicht wirklich alt.«
Wütend stand Gerlinde in der Küche und schnippelte Gemüse in kochende Fleischbrühe. Ihre Hände zitterten. »Sie werden aber alt«, drohte sie hauchfein geschnittenen Lauchstreifen und gewürfelten Kartoffeln und Möhren. »Die Alten werden alt und diese verzickte Telefonhexe wird auch nicht jünger, und ich bekomme diese verdammte Stelle. Es muss doch einmal im Leben möglich sein, genau das zu kriegen, was man will. Dabei will ich es ja nicht einmal geschenkt haben. Ich würde dafür arbeiten. Ich würde ihnen helfen, würde sie unterstützen.«
Die Suppe brodelte über den Kochtopfrand und schäumte auf die Herdplatte. Gerlinde fluchte. Das war heute einfach nicht ihr Tag. Sie war zu gierig gewesen und hatte sich zudem auch noch blöd angestellt. Weil sie nicht warten konnte. Nein, das stimmte nicht. Weil sie schon zu lange gewartet hatte. Viel zu lange.
Vor dem Spiegel imitierte sie mit hochgezogenen Schultern und überspannter Stimme ihr jüngstes Telefonat und die überdeutliche Aussprache der Frau am anderen Ende der Leitung. »Was, wie alt sind Sie? Nein, tatsächlich erst dreiundzwanzig? Ja so was. Und da wollen Sie in ein Seniorenhaus, da wollen Sie ausgerechnet zu uns? Sie sind viel zu jung für ein Altenheim.« Und auf diesen dummen Witz hatte sie auch noch in ihrer Naivität geantwortet: »Ich will ja nicht dort wohnen, ich will mich nicht einmieten – nur für Sie arbeiten, Ihnen zur Hand gehen, in Ihrem Haus, über das man ja nur Gutes liest.«Nur Gutes, klar, einfach übergangen hatte die Stimme der anderen ihr Arbeitsangebot: »Hier ist es nämlich so langweilig, dass niemand auch nur auf die Idee kommt, Ungutes zu veranstalten. Wissen Sie, junge Frau, wir hocken hier in der Mitte von gar nichts. Direkt auf dem flachen Land. Viel frische Luft. Ein Luftkurort. Sie werden sich langweilen und abends ausgehen wollen, aber hier gibt es nichts, wohin Sie gehen könnten. – Ach was, Kellnerin haben Sie gelernt? Interessant. Ich dachte, dass es diesen Beruf seit den 80er Jahren nicht mehr gibt. Ha, ha, natürlich gibt’s den noch, aber der Name hat sich geändert, wie das ja so oft der Fall ist. Wissen Sie, politisch korrekt müssten Sie sich eigentlich Fachgehilfin im Gastgewerbe nennen. Das hört sich doch schon um einiges professioneller an, oder? Dennoch, auch wenn es nett ist, mit Ihnen zu plaudern, wir brauchen weder eine Kellnerin noch eine Fachgehilfin im Gastgewerbe, und sei sie noch so gut. Wir brauchen niemanden …«
Gerlinde wandte sich von ihrem Spiegelbild ab und ging in die kleine Küche ihrer winzigen Wohnung. So schnell gab sie nicht auf. Morgen würde sie er