: Birgit Rabisch
: Die vier Liebeszeiten
: duotincta
: 9783946086147
: 1
: CHF 8.90
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: Erzählende Literatur
: German
: 192
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Bundesrepublik 1970 - Zeit der Umbrüche, Zeit der Aufbrüche - der Wind eines politischen Frühlings weht durch das Land. Auch die Liebe zwischen Rena und Hauke blüht im Mai dieses Jahres auf. Der Frühling ist aber nie die einzige Jahreszeit der Liebe ... Die Geschichte von Rena und Hauke geht weiter, entfaltet sich dort, wo die gängigen Liebesromane mit einem Happy End ausklingen und gibt dem Leser die Gelegenheit, eine gelingende Liebe durch ihre vier »Liebeszeiten« hindurch zu erleben: vom Zauber des Anfangs bis zur Auseinandersetzung mit Alter und Tod. Wie beiläufig zeichnet Birgit Rabisch dabei ein Porträt der 68er-Generation jenseits politischer Klischees. Nicht zuletzt ist der Roman eine Hommage an die norddeutsche Landschaft und das Wattenmeer, das im Wandel der Gezeiten Kraft und Gleichmut schenkt.

Birgit Rabisch studierte Soziologie und Germanistik und lebt als Autorin in Hamburg. Sie hat bisher zehn Bücher veröffentlicht, darunter den utopischen Roman 'Duplik Jonas 7', der zum Bestseller und Standardwerk für den Schulunterricht zum Thema Gentechnologie avancierte.

Frühling


Immer diese Angst, zu spät zu kommen! Aber heute ist es besonders peinlich. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Rena eine Verabredung mit einem Jungen. Nein, mit einem Mann. Ein Fünfundzwanzigjähriger ist ein Mann. Komischer Gedanke. Männer und Frauen, das sind doch die altertümlichen Wesen, die in der Erwachsenenwelt ihr ödes Leben fristen! Die sie, die Jungen und Mädchen, gängeln, triezen, malträtieren. Rena ist ihr ganzes Leben lang ein Mädchen gewesen, siebzehn Jahre lang ein artiges Mädchen, ein ungebärdiges Mädchen, ein kluges Mädchen, ein schüchternes Mädchen, ein Mädchen, an dem ein Junge verloren gegangen ist, aber immer ein Mädchen. Und jetzt? Ist sie jetzt eine Frau, weil sie sich gleich mit einem Mann treffen wird? Rena ist verwirrt. Eine Frau, die etwas auf sich hält, lässt den Mann warten, hat sie in der Tanzschule gelernt. Sie schaut sich nach einem Platz um, wo sie sich und ihr Fahrrad verstecken kann. Doch dann: Nein! Lächerlich! Sie richtet sich nicht nach den Benimmregeln von Anno dunnemals! Im Jahre 1970 gelten die ja wohl nicht mehr. Jedenfalls nicht für sie, entscheidet Rena. Was sich für Frauen schickt, was sich für Männer schickt, das können sie in den Tanzschulen ruhig weiter den unbedarften Gänschen und den sich aufplusternden Gantern eintrichtern. Sie pfeift auf die alten Rollenklischees!

Entschlossen schiebt Rena ihr Fahrrad über die Brücke zum Fähranleger Neumühlen. Noch bevor sie die Elbe sieht, atmet sie den vertrauten Geruch ein, den Geruch, den der Hamburger Hafen unters Wasser mischt. Teer, Öl, Rost? Irgendwie metallisch, denkt Rena, während sie ihr Fahrrad neben einer Bank auf dem Ponton abstellt. Der Ponton schwankt leicht, wird bewegt vom immerwährenden Schwell des Schiffsverkehrs, auch wenn jetzt gerade kein Schiff vorbeifährt. Nur eine Jolle mit eingefallenen Segeln lässt sich vom Flutstrom in Richtung Hafen treiben. Rena setzt sich auf die Bank und schaut der Jolle nach, aber nur kurz, dann blickt sie auf ihre Armbanduhr. Zwölf vor drei. Sie dreht sich zur Brücke um. Eine ältere Dame geht langsam, eine Hand am Geländer, zum Ponton herunter. Kein Hauke in Sicht. Um drei wird er kommen. Wenn er pünktlich ist. Wenn er Wort hält. Recht hat er mit seiner Wettervorhersage behalten:

Wir könnten eine Fahrradtour an der El