: Wolfgang Eicher
: Die Insel
: duotincta
: 9783946086086
: 1
: CHF 8.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 240
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Da liegt einer. Es ist ein Krankenhaus. Er weiß etwas. Darum ist er hier. Die Insel hat ihn entwurzelt. Ich mag ihn küssen. Ich habe mich verliebt. Er ist vom Meer gekommen. Ich war noch nie am Meer. Ich werde ihm meine Geschichte erzählen, und er mir die seine. Dann werden wir aus unseren Geschichten ausbrechen. Wir werden ein Abenteuer wagen. Das Abenteuer trägt die Namen Liebe und Leben. Noch glaubt er daran nicht. Er ist neu hier. Er muss noch schlafen. Er muss sich erholen. Ich lausche seinen Atemzügen. Wenn er mir das Meer zeigt, werde ich ihn heiraten. Er wird mir ganz sicher das Meer zeigen. Das Meer ist nämlich schön, wunderschön. Ob ich mich ein wenig zu ihm legen kann? Achtung, da kommt die Schwester!

Wolfgang Eicher wurde am 23.Februar 1975 in Vöcklabruck/Oberösterreich geboren. Nach einer Ausbildung zum Landwirt studierte er Raumplanung und Raumordnung auf der TU in Wien. Seit 1991 schreibt er hauptsächlich Romane. Wolfgang Eicher lebt und arbeitet in Wien.

VERRÜCKT


»Ich muss mich umbringen. Ich kann aber nicht. Bitte helfen Sie mir!«

Das Zimmer ist weiß. Ebenso der Mantel meines Gegenübers. Es ist ein Krankenhaus. Hier werden Verrückte behandelt. Natürlich bin ich nicht verrückt. Meine Anwesenheit erscheint mir plötzlich so irreal, wie es nur sein kann. Und doch: Ich bin hier. Und ich habe soeben etwas gesagt. Und es ist von jemandem gehört worden. Zumindest vermutlich.

»Warum wollen Sie sich umbringen?«, fragt der Arzt.

Er hat mich also nicht richtig verstanden. Vielleicht habe ich es aber auch nicht richtig gesagt. Vielleicht kann ich nie wieder etwas richtig sagen. Vielleicht ist es unmöglich geworden, mich zu verstehen. Das wäre schön. Denn eines darf niemals passieren! Eines wäre das Schlimmste überhaupt! Niemals darf irgendeiner dieser Menschen verstehen, was der Grund ist!

»Ich will mich nicht umbringen. Ich muss mich umbringen!«

Ich schaue ihm kurz in die Augen. An der Wand hinter ihm hängt ein Kreuz.

»Warum müssen Sie sich umbringen?«

Genau das ist es! Genau das darf ich nie sagen! So sehr sie mich bedrängen! So sehr sie auch meinen, es hervorholen zu müssen! Es muss in mir bleiben! Doch wie soll ich ihm das sagen?

Eine Spinne kriecht über das Kreuz. Schließlich gleitet sie herab an einem seidenen Faden, um in irgendeiner Ecke zu verschwinden. Ich bleibe stumm. Ich kann es nicht sagen. Ich darf es nicht sagen. Ich kann es auch nicht erklären. Warum eigentlich bin ich hier?

Der Doktor blickt kurz und eindringlich in meine Augen, holt dann ein Papier aus seinem Schreibtisch.

Ich bin hier. Ich kann es nicht fassen. Ich bin angekommen. Am letzten Ort, der noch ein Wohin sein könnte, nach all dem, was geschehen ist.

»Ihr Name?«, fragt der Arzt.

Es ist der einzige Ort, der mir verblieben ist. Weil ic