II
Im Land der Kindheit und Jugend
Sonntagmorgen
Als Toni sieben war, hatte sie die Mutter unverhofft für sich allein. Die mittlere Schwester ging in einer Kleinstadt in der Nähe in die Lehre und wohnte auch dort. Das knappe Lehrgeld reichte für nur wenige Heimreisen mit dem Zug. Die ältere Schwester und der Schwager waren ausgezogen, sie hatten nun ein eigenes Zuhause. Auf einmal war die Wohnung fast stumm. Doch die Stille der Sonntagvormittage empfand sie geheimnisvoll und genussreich. Mutter und Tochter dehnten den Morgen im gemeinsamen Doppelbett aus, genossen das entspannte Beisammensein, von den Nachbarn waren keine Lebenszeichen zu vernehmen.
Die beiden erfanden Geschichten und reimten kleine Gedichte. Man durchlebte rare intime Momente, in denen die Mutter ab und zu in ihre eigene Kindheit abtauchte. Das waren die besten Geschichten neben der allerbesten, nämlich der von Tonis unsicherem Erscheinen in der Welt und ihrer Rettung nach der Nottaufe. Mutter malte eindrückliche Skizzen von ihrer Geburt im Waldhaus und von dem Mickerlein, zu dem Elli meinte, warum sie denn diesen pflaumenblauen schrecklichen Säugling angeschleppt habe. Das Bild zeigte einen Winzling, der die Milch anderer Frauen bekam, das Kleinkind, das man noch als Zweijährige in der Einkaufstasche herumtragen konnte, das weniger wog als der Spitz des Nachbarn, der sich mit dem Wiegen und dem Vergleich einen Schabernack erlaubt hatte. Wenn die Mutter endete, weinte Toni fast vor Rührung, es war ihr kleines persönliches Wunder, dass sie überlebt hatte. Und ihre Mutter bestärkte sie in diesem Glauben. Es war eine betörende Geschichte, zu ihrem späteren Leidwesen nicht die ganze. Doch davon wusste Toni noch nichts.
Die Mutter kannte Dutzende Gedichte und Kirchenlieder auswendig, die sie in der Schule gelernt hatte, und beeindruckte Toni damit. Oft musste sie das schaurige Gedicht vortragen, in dem der Reiter durch das Schwert in der Mitte zerteilt wird und je zur Hälfte rechts und links des Pferdes niedersinkt. Toni suhlte sich in Geborgenheit bei dem Gedanken, dass sie solch grauenvolle Gedichte nicht auswendig lernen musste. Jedenfalls sagte die Mutter das.
„Dem Himmel sei Dank! Die heutigen Kinder müssen sich nicht mit so was Furchtbarem herumschlagen. Wir leben heutzutage in einer Republik und Demokratie, als ich Kind war, hatten wir noch einen Kaiser.“ Die Mutter seufzte gelegentlich, wenn sie von ihrer Kindheit sprach, und Toni begriff, dass man das Leben da