1. KAPITEL
RAYA
Vollkommen betäubt saß ich in meinem schwarzen Etuikleid auf der Holzbank und lauschte den Worten des Redners, der Thomas nicht gekannt hatte und dennoch über ihn sprach, als wären sie Vertraute gewesen. Als hätte er an dem Sterbebett gesessen und die Hand gehalten, bis kein Funken Leben mehr in ihm gewesen war. Jede Nacht wachte ich auf und wurde von den Bildern seines geschwächten Körpers verfolgt. Eine Träne rollte stumm an meiner Wange entlang. Ich wischte sie nicht fort, sondern trug sie voller Stolz. Es war keine Schwäche, um einen geliebten Menschen zu trauern, auch wenn alle Welt einen großen Bogen um den Tod und den damit verbundenen Schmerz machte. Das hier war unser Abschied und ich würde ihn nicht dadurch schmälern, dass ich die Gefühle vor der Außenwelt versteckte.
Mein Blick fiel auf das schwarz-weiße Porträt, das vor der Urne platziert war. Ich konnte mich noch gut an den Moment erinnern, als es aufgenommen worden war. Thomas hatte gerade die Zusage für sein Maschinenbaustudium erhalten und strahlte über beide Wangen, sodass man die Grübchen erkennen konnte. Einzelne Konfettischnipsel hafteten an seinem Lockenkopf, nachdem ich einen ganzen Schwall von den bunten Punkten über ihm ausgeschüttet hatte. Kein leichtes Unterfangen, denn er war zwanzig Zentimeter größer gewesen als ich. Seine Eltern hatten ein anderes Foto nehmen wollen, aber ich war froh, dass ich sie hatte überzeugen können, das hier zu wählen.
Es war rein. Kein Vergleich zu einem gestellten Bild, auf dem künstlich gelächelt wird. Dieses Foto wurde Thomas gerecht, denn es war unverfälscht und trug eine Leichtigkeit in sich, die man nur in ausgewählten Momenten erleben durfte.
Die Rede endete mit einem Bibelvers, genauer gesagt mit dem sechsten Vers aus Psalm einunddreißig:
„In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.“
Auch wenn ich mich krampfhaft gegen die Vorstellung wehrte, dass es irgendein höheres Wesen gab, dem wir etwas bedeuteten, so musste ich zugeben, dass in dem Zitat ein Funken Wahrheit steckte. Thomas brauchte nicht mehr zu leiden, ganz gleich, wo er jetzt war. Ich vermisste ihn unsagbar, dennoch wäre es egoistisch gewesen, ihn unter Schmerzen am Leben zu erhalten, nur weil ich zu feige war, mich zu verabschieden.
Das redete ich mir jeden Tag ein, aber der Schmerz wurde dadurch nicht geringer.
Um mich herum erhoben sich die Trauernden, deren Zahl überschaubar war. Nur seine Familie und ich waren gekommen, denn obwohl Thomas ein großes Herz gehabt hatte, war es ihm immer schwergefallen, sich anderen gegenüber zu öffnen. Unzählige Male hatte ich ihn geradezu angebettelt, seine Wohlfühlzone zu verlassen, um mal etwas Neues kennenzulernen. Doch er lehnte jedes Mal ab, und mittlerweile fragte ich mich, ob ich mehr darum hätte kämpfen müssen. Ich setzte diesen Punkt auf die lange Liste an Vorwürfen, die ich mir seit vier Monaten machte.
An erster Stelle stand, dass ich zu unaufmerksam gewes