NORÉY
Ich habe den Rand geschaffen, Noréy. Ich war es. Ohne mich wäre das alles nie geschehen.« Torik atmete mühsam, jedes Wort schien ihn unendliche Kraft zu kosten.
»Was?« Noréy rang nach Luft. Taubheit breitete sich in ihr aus. Es war ein Unglück zu viel. Torik konnte es nicht gewesen sein! Nicht er. Ja, sie hatte gewusst, dass ihr väterlicher Freund einen Anteil an dem Vorfall gehabt hatte, der die Welt vor fast einhundert Jahren entzweigerissen hatte. Aber die alleinige Verantwortung? Nein. Sie wollte nicht darüber nachdenken. Nicht jetzt. »Warum kommt denn niemand? Hilfe, wir brauchen Hilfe!«
Torik hustete krampfartig. Spuckte Blut. Sein Gesicht war unter dem kurzen, dunklen Bart so blass geworden, als hätte er seit Jahren keine Sonne mehr gesehen. »Es war mir … eine Ehre … dich kennenzulernen, Noréy Olecni, Schattenweberin. Versprich mir …«
»Was? Was soll ich dir versprechen, Torik?« Sie beugte sich dicht über ihn, denn seine Stimme wurde leiser, als würde sie ihn gemeinsam mit dem schwindenden Leben verlassen. Die Worte rasselten über seine Lippen. »Hasse ihn nicht, Noréy. Du wirst Jahor noch brauchen.«
»Nein! Das werde ich ihm nie verzeihen!«
»Noréy …« Toriks Augenlider zitterten, sein ganzer Körper begann zu beben, verschmierte das Blut – so viel Blut – auf dem hellen Stein. Dann kippte sein Kopf zur Seite, und er lag endgültig still.
»Hilfe! Wir brauchen Hilfe!«, schrie Noréy mit einer Verzweiflung, die an Wahnsinn grenzte. Das durfte nicht passieren! Nicht schon wieder. Der Schmerz riss an ihr, als würden Scherben in ihrer Brust wachsen und alles auf ihrem Weg zerfetzen, sie überwältigen. Unerträglich.
»Bitte, Torik. Bitte! Du bist der Einzige, den ich noch habe.« Sie ließ den Kopf auf seine Brust sinken. »Wenn du jetzt gehst, dann kann ich nicht mehr bleiben. Ich ertrage es nicht!«
Schritte wurden laut. Die schweren Stiefel von Wachen, dann leichtere, jemand rannte … Aurora stürzte neben Noréy auf die Knie. »Was? Was ist passiert?«
Noréy richtete sich auf, damit die Meisterin das Messer in Toriks Seite sehen konnte. Doch in Worte zu fassen, was Jahor getan hatte, gelang ihr nicht, dafür war es zu entsetzlich.
Die Schattenmeisterin stellte ihre eigenen Gefühle hintenan, was ihr sichtlich schwerfiel, und untersuchte Torik schnell, aber gründlich. Noréy kauerte indes auf dem Boden und hielt Toriks Hand, strich vorsichtig darüber, als wäre jede kräftigere Berührung eine zu viel.
Durch einen Tränenschleier beobachtete sie, wie eine Trage herangeschafft wurde und sich nach und nach die Einwohner und Schüler Sel Nedaras um den alten Krieger versammelten.
Vorsichtig und ohne das Messer aus seiner Brust zu lösen, wurde Torik auf die Bahre gehoben.
»Er darf so wenig wie möglich bewegt werden, sonst füllt sich seine Lunge mit Blut!«, kommandierte Aurora. »Und sucht mir Jahor! Nur seine Miraklermagie kann Torik jetzt noch retten.«
»Er?«, keuchte Noréy. »Ausgerechnet er? Er hat es doch getan!«
Der Kopf der Meisterin schnellte herum, als sähe sie Noréy in diesem Moment zum ersten Mal. Fassungslos schlug sie Toriks Mantel zur Seite und musterte den Dolchgriff. Jeder wusste, wessen Waffe es war. Die Intarsien waren aus aschfarbenem Moorholz, zeigten Wirbel und Linien wie Rauch … oder Miraklerschatten.
»Ins Krankenzimmer! Aber vorsichtig!« Noch während sie sprach, fasste sie Noréy am Oberarm. »Du, komm mit.«
Noréy sträubte sich nicht dagegen