: Harlich H. Stavemann
: Integrative Kognitive Verhaltenstherapie (IKVT) bei Frustrationsintoleranz Ärgerstörungen und Prokrastination
: dgvt Verlag
: 9783871594069
: 1
: CHF 33.50
:
: Psychologie
: German
: 312
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In den letzten Jahrzehnten haben Probleme durch eine geringe Frustrationstoleranz stark zugenommen. Sie zeigen sich vor allem in zwei zentralen Problembereichen: in Ärgerstörungen und in Prokrastination. Ob explosive Wutreaktionen oder selbstschädigendes Aufschiebeverhalten: Beides führt häufig zu erheblichen emotionalen, psychosomatischen, sozialen sowie beruflichen Belastungen und Konsequenzen. Dieses praxisorientierte Fachbuch zeigt, wie Therapeut*innen in allen Phasen der Behandlung gezielt und effektiv vorgehen können - vom Erstkontakt über Diagnose, Therapieplanung und Veränderungsprozess bis hin zur Stabilisierung neu erlernter Bewältigungskonzepte. Anhand gut nachvollziehbarer Beispieldialoge und typischer Fallbeispiele wird das Interventionsmodell der Integrativen Kognitiven Verhaltenstherapie anschaulich vermittelt. Auch der Umgang mit typischen Widerständen wird erläutert. Zahlreiche Arbeits- und Informationsblätter stehen zum Download bereit und erleichtern die Anwendung im therapeutischen Alltag. Dieses Buch bietet somit wertvolle Impulse für die psychotherapeutische Praxis und unterstützt bei der wirksamen Behandlung zweier weit verbreiteter Problembereiche.

Harlich H. Stavemann, Dr. rer. soc., Dipl. Psych., Dipl. Kfm., Ausbildung in VT, GT, KVT, RET; Psychotherapeut seit 1979, Approbation für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Einzel- und Gruppenbehandlung. Kognitiver Therapeut, Kognitiver Verhaltenstherapeut, Associate Fellow of the Institute for Rational Therapy. Seit 1984 Fortbildungsleiter, Lehrtherapeut und Supervisor für VT/KVT und für die Approbation in VT in diversen Instituten; Begründer der Integrativen KVT (IKVT) und der Problemorientierten Kognitiven Psychodiagnostik (PKP). Mitbegründer und Direktor des IVT seit 1986, Mitglied im Fortbildungsbeirat des IVT, diverse Publikationen zur IKVT.

1 Einleitung


Frustrationsintoleranz, Ärgerstörung, Prokrastination oder pathologisches Aufschieben sind Begriffe, die uns sowohl in der therapeutischen und Beratungspraxis als auch in der Forschung immer häufiger begegnen, wenn es um das Beschreiben von Problemen geht, die emotionale Turbulenzen verursachen. Unterschiedliche klinische Beobachtungen und Erfahrungen in den letzten Jahrzehnten haben gezeigt, dass Frustrationsintoleranzprobleme (FIP) zu erheblichem psychischen Leid führen können. Zudem steigt im klinischen Bereich, in Therapien, Seminaren und Supervisionen die Zahl derjenigen, bei denen sich in der Therapie oder Beratung ein FIP als Ursache für die beklagten Symptome identifizieren lässt.

Obwohl durch das psychische Leiden von einem Therapiebedarf ausgegangen werden kann, gibt es bisher hierzu kaum problemspezifische Behandlungsansätze. Bevor imzweiten Kapitel auf den Behandlungsansatz der→ Integrativen KVT eingegangen wird, betrachten wir zunächst einige Definitionen und bereits vorhandene Modelle zur Erklärung und Therapie von Ärgerstörungen und Prokrastination, den beiden Varianten eines FIP.

1.1 Was ist Frustrationsintoleranz?


In der wissenschaftlichen Literatur findet sich zunächst der Begriff der Frustrationstoleranz.

Frustrationstoleranz. Rosenzweig (1978) meint mit Frustrationstoleranz die Fähigkeit, psychische Spannungen zu ertragen, die aus dem Nichtbefriedigen von Triebwünschen herrühren. Die Frustrationstoleranz werde zu einem gewissen Grad im Zuge des Individualisierungsprozesses erworben und könne durch Rosenzweigs Picture-Frustrationstest (Hörmann& Moog, 1957) ermittelt werden. Was heute unter diesem Begriff verstanden wird, zeigen die folgenden Definitionen in nicht analytischer Diktion.

Definitionen

Frustrationstoleranz bezeichnet die individuelle Fähigkeit, mit Enttäuschungen oder Frustrationen angemessen (d. h. ohne unnötige zusätzliche negative Konsequenzen) umzugehen. Sie wird einerseits als Persönlichkeitseigenschaft angesehen, d. h. als Disposition, in bestimmten Situationen häufig entsprechend typisch zu reagieren. Andererseits kann Frustrationstoleranz vor allem in der frühen Sozialisation vermittelt und erlernt werden und ist in gewissem Maße auch noch im Alter trainierbar.

Geringe Frustrationstoleranz. Menschen mit geringer Frustrationstoleranz neigen dazu, Vorsätze und Ziele aufzugeben, wenn etwas nicht erwartungsgemäß und problemlos verläuft. Sie geraten dann in emotionale Turbulenzen: Manche werden ärgerlich und aggressiv, andere geben deprimiert auf. Sie können mit Misserfolgen nicht adäquat umgehen und ihre Motivation für neue Anläufe oder neue Ziele wird ebenso wie ihre Selbsteffizienzerwartung ständig geringer. Bei Frustrationen reagiert der Fordernde-Typ mit Arousalanstieg und erhöhter Anstrengung, um seine Ziele oder Meinung durchzusetzen, der Vermeidende-Typ mit Ausweich- und Vermeidungsverhalten. Beide Problemtypen leiden unter erheblichen negativen sozialen, ökonomischen und beruflichen Konsequenzen, die in der Regel der Anlass dafür sind, weshalb die Betroffenen um Hilfe nachsuchen.

Vorhandene Ansätze zur „geringen Frustrationstoleranz“ in der Literatur. Die Termini „geringe Frustrationstoleranz“ (GFT) oder „low frustration tolerance“ (LFT) werden in der wissenschaftlichen Literatur durchaus unterschiedlich verwendet.

Ellis. Frustrationsintoleranz wird in der kognitiven Therapie von Ellis bereits seit 1979 – damals noch als „discomfort anxiety“ bezeichnet (Ellis, 1979) - als Problemursache erkannt und behandelt. Seit den 1970er-Jahren gibt es erste Forschungen in einem Bereich von FIP: der Prokrastination (Höcker, Engberding& Rist, 2013). Nachfolgend wurden in mehr als 2000 Studien Wirksamkeitsnachweise für KVT-Behandlungsstrategien – auch für die Therapie von FIP – erbracht (Ellis& Joffe Ellis, 2012).
Die wohl elaborierteste Darstellung zur Diagnose und Behandlung der Auswirkungen von GFT liefert Ellis (2003a, 2003b). Auf diesen Ansatz wird inKapitel 2 ausführlicher eingegangen.

Beck. Auch Beck, Wright, Newman und Liese (1997) sehen in GFT die Ursache für diverse psychische Störu