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Engeløya, Oktober 1862
Der Pfarrer war von einem Geräusch aufgewacht, oder war es nur etwas, das er geträumt hatte? Eine Weile hatte er in die Dunkelheit gestarrt und gelauscht. Aber jetzt war es ganz still. Trotzdem schlug er die Decke zurück und setzte die Füße auf den Boden. Dann ging er zum Fenster und schaute hinaus. Er musste die Hände an beide Seiten seines Gesichts legen, um besser sehen zu können. War da nicht jemand, der vor dem Pfarrhaus herumschlich? Wer in aller Welt hatte um diese Nachtzeit etwas draußen zu suchen? Niemand mit gutem Gewissen, stellte er fest und kniff die Augen zusammen, um besser zu sehen. Sein Sehvermögen war nicht mehr so gut wie früher, und das ärgerte ihn ein wenig. Ja, da war diese Gestalt wieder. Eine Frau? Sie hatte ihn offensichtlich gesehen und war stehen geblieben. Einen kurzen Moment dachte er daran, sich hinter dem Vorhang zu verstecken und nicht zu zeigen, dass er so dastand und starrte. Aber dann erkannte er, dass es Bera war.
»Vergib mir meine Sünde, ist sie das nicht?«, flüsterte er. »Was hat sie jetzt wieder vor?«
Dieses Mädchen war nicht wie andere, so viel war sicher. Aber was konnte man auch anderes erwarten? Sie stammte von einem Berghof weit weg von Anstand und normalem Menschenverstand. Außerdem hatte sie angeblich beim Doktor völlig freie Hand. Ja, er konnte so weitermachen, der gute Gabriel, aber es könnte sein, dass er es eines schönen Tages bereuen würde. Das würde mit dem größten Schrecken enden, dessen war er sich sicher. So sicher wie das Amen in der Kirche.
Da winkte sie auch noch und grinste, wenn er sich nicht sehr täuschte. Das sah ihr ähnlich.
Er war so verärgert, dass er den Vorhang mit einer wütenden Bewegung zuzog. Dann eilte er zurück ins warme Bett und zog die Decke hoch bis zum Kinn. Erst jetzt spürte er, wie kalt seine Füße waren. Er schlief in einem langen Nachthemd und langen Unterhosen, aber ohne etwas an den Füßen. Das sollte er vielleicht ändern, dachte er und drehte sich auf die Seite.
Jetzt hatte er Mühe einzuschlafen und das war nur die Schuld dieses Mädchens. Was in aller Welt wollte sie nachts draußen? Vielleicht sollte er ein Gespräch mit Gabriel führen, damit der Doktor erfuhr, was seine Pflegetochter so trieb. Dass er Gabriel darüber aufklärte, was vor sich ging, war ja eine gute Tat. Vielleicht konnte sie auch zaubern? Wer wusste schon, was sie in ihrer Kindheit oben in den Bergen gelernt hatte? Ihre Eltern nutzten zu Lebzeiten auch nicht gerade seine Kirchenschwelle ab. Zwar hatten sie Bera taufen lassen, und selbst waren sie sowohl konfirmiert als auch dort getraut worden, aber er konnte wahrscheinlich an einer Hand abzählen, wie oft sie zum Gottesdienst erschienen waren. Ihm fiel ein, wie er sie einmal deswegen zur Rede stellte.
»Der Pfarrer kann uns nur tadeln«, hatten sie gesagt. »Aber es ist schwie