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Engeløya, Januar 1862
Das Pferd wirbelte Schnee auf, als es in großer Geschwindigkeit den Weg entlangtrabte. Die lange Mähne lag wie eine weiße Fahne über dem roten Fell. Hinten im Schlitten saß der Dorfarzt. Gabriel Høyer war erst fünfunddreißig, aber ein höchst respektierter Mann und allseits beliebt, sowohl wegen seines guten und milden Wesens als auch wegen seines Fleißes. Die Leute kamen nicht ohne Not zu ihm, denn es kostete Geld, den Arzt aufzusuchen. Aber als der gute Mann, der er war, nahm er gerne einen Klumpen Butter oder eine Tüte Kaffeebohnen für seine Arbeit als Bezahlung an. Einige wollten anschreiben lassen und es wurde ihnen oft erlaubt. Aber meistens zahlten die Leute. Ein paar Mal war ihm gesagt worden, er würde seinen Lohn im Himmel bekommen!
Doch nun hatte sich die Krankheit Diphtherie im Dorf ausgebreitet und in einer solchen Mission war er unterwegs gewesen. Es gab vieles, an das er sich gewöhnen musste, aber Kinder leiden zu sehen, war wohl das Allerschlimmste. Dieses Mal war es ein Junge von nur zehn Jahren, der die Halskrankheit bekam. Und wie immer hatte er die Familie über Sauberkeit belehren müssen. Sie sollten nicht aus demselben Becher trinken oder mit demselben Löffel essen. Ansonsten konnte er nur die Leiden des armen Kerls lindern und hoffen, dass er überleben würde.
Atemwolken stiegen sowohl aus dem Maul des Pferdes als auch aus dem Mund des Mannes und die Kälte stach ihnen ins Gesicht. Jetzt sehnte er sich nur noch nach Hause, wo er eine Weile vor dem Ofen in seinem privaten Amtsraum sitzen, heißen Kaffee trinken und vielleicht die Kekse probieren konnte, die von Weihnachten übriggeblieben waren. Er würde die Augen schließen und versuchen, zur Ruhe zu kommen, bevor er zu Bett ging. Es war jetzt spät und mehrere der Häuser, an denen er vorbeikam, dunkel.
Elen, seine treue Haushälterin, wartete sicher auf ihn. Er konnte sich vorstellen, wie sie am Küchentresen stand und in die Dunkelheit starrte. Auf Elen konnte er sich immer verlassen, sie war fast wie eine Mutter für ihn geworden, und er hatte ihr viel zu verdanken.
Er versank in Gedanken, in der sicheren Gewissheit, dass das Pferd von selbst den Weg nach Hause finden würde. Vor zwei Jahren war er glücklich verheiratet gewesen. Nur der Herrgott wusste, wie sehr er Rosa geliebt hatte. Sie hatte ihre Familie in Christiania verlassen, um ihm in die Nordlande zu folgen. Sie waren so glücklich gewesen und nichts konnte zerstören, was zwischen ihnen war. Das dachten sie zumindest damals. Sie war alles für ihn gewesen. Seine über alles große Liebe.
Als sie schwanger wurde, war das Glück vollkommen, und als die Wehen einsetzten, war er natürlich anwesend. Aber etwas ging schief. Das Kind steckte fest und er musste mit ansehen, wie ihr Leben langsam erlosch. Er versuchte alles, was ihn sein Studi