: Sophie Hopper
: Miss Taylor, das Wasser und die Liebe
: Heyne Verlag
: 9783641310080
: 1
: CHF 15.20
:
: Erzählende Literatur
: German
: 432
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Über eine starke Frau, die Magie des Wassers und die Entdeckung der Liebe

Cambridge, 1950. Milla Taylor arbeitet als Nachtwächterin in einem Museum. Bisher hat es das Leben nicht gut mit ihr gemeint, und Milla, die als Waise aufwachsen musste und nie richtig lesen und schreiben gelernt hat, mischt sich so selten wie möglich unter Menschen. Bei einer Silvesterparty lernt sie Monty Chester kennen. Einst begnadeter Taucher, ist er seit einem Unfall zum Einzelgänger geworden. Während das Fest in vollem Gange ist, überredet Monty sie, in seinen alten Tauchanzug zu steigen. Als Milla ihren ersten Tauchgang im Gartenteich des Anwesens macht, ist sie wie verzaubert. Wie bizarr und friedlich die Welt unter Wasser ist! Schnell ahnt sie, dass sie ihr Herz nun gleich zweimal verloren hat. Millas Liebe zum Tauchen wird sie um die ganze Welt führen. Die Gefühle, die Monty in ihr auslöst, wiederum auf so manche Irrwege ...

Sophie Hopper hat sich als Kind am liebsten unter Möbeln versteckt oder ins Reich ihrer Fantasie geflüchtet. Als Erwachsene erwachte ihre Abenteuerlust. Sie tauschte die Plätze unter Tischen und hinter Sofas gegen solche in Zügen und Flugzeugen ein, schnorchelte in Mexiko und Malaysia, reiste per Interrail quer durch Europa, arbeitete auf Zeltplätzen, schlief an Schweizer Bahnhöfen oder auf Verkehrsinseln mitten in Paris und plante, nach Schweden auszuwandern. Letztlich entschied sie sich für Berlin, wo sie seither die Welt auf dem Papier erkundet und liest und schreibt, so viel sie kann.

1
Fünf Monate zuvor
Cambridge


Dezember 1950

»Sie machen das?«, fragte ihr neuer Kollege zum dritten Mal.

Er hatte Milla im Foyer abgefangen, als sie von rußigem Regen nur so triefend hereingekommen war. Skeptisch betrachtete er sie von unten herauf. Sein Gesicht war so faltig, dass es aussah wie von einem Spinnennetz durchzogen.

»Ja, ich mache das. Milla heiße ich. Milla Taylor. Hallo.« Nachdem sie ihm die Hand gereicht hatte, schälte sie sich aus ihrem nach nassem Schaf riechenden Mantel, von dem nach wie vor Regentropfen auf den abgeschabten Dielenboden perlten.

»Smith«, stellte sich der Tagwächter vor und tippte an seine Kappe, unter der flaumiges silbernes Haar hervorquoll. »Harry. Ich weiß ja nich, ob Sie es wissen, aber Sie sind hier nur auf sich gestellt. Ohne n Mann, der Ihnen zur Seite steht!« Die Empörung darüber, dass im Museum für orientalische Geschichte und Archäologie ausgerechnet eine Frau für Sicherheit und Ordnung sorgte, war ihm deutlich anzuhören. »Ich könnt aber noch n Weilchen bleiben, wenn Sie möchten. Um auf Sie aufzupassen und auf den ganzen anderen Rest hier.«

»Das ist nett von Ihnen, danke, aber nicht nötig.« Milla hatte Mühe, weiterhin freundlich zu klingen. Bis vor fünf Jahren hatte sich schließlich niemand daran gestört, dass sich Frauen der Marine anschlossen, als Ingenieurin arbeiteten oder als Funkerin. Auch hatte sich kein Mensch darüber beschwert, wenn ihre Nachbarinnen der Frauenhilfsluftwaffe beitraten und die Bomber der Deutschen mit Sperrballons vertrieben sowie, um auch das nicht zu vergessen, im Winter Bäume fällten, Holz hackten oder Busse steuerten.

»Ich arbeite schon seit zwei Jahren hier, Mr Smith. Und bisher bin ich noch nie in eine verzwickte Situation geraten.«

Der Tagwächter aber gab so schnell nicht auf. »Ach was, ich bleib noch n bisschen. Nur damit hier keiner reinkommt und was Wertvolles klaut.«

»Mr Smith, bin ich die Nachtwächterin, oder sind Sie es? Außerdem bin ich einen Kopf größer als Sie und um einiges jünger. Wer ist wohl schneller und geschickter, wenn es darum geht, einen Dieb zu schnappen?« Mist. Musste sie, wenn sie wütend war, immer alles rausplärren, was ihr durch den Kopf schoss?

Geknickt sah er sie an.

»Es tut mir leid, Mr Smith«, versuchte sie einzulenken. »Das wollte ich nicht … so … sagen. Möchten Sie sich noch einen Moment setzen? Immerhin haben Sie den ganzen Tag gestanden.« In dem Versuch, ihren Patzer wiedergutzumachen, zeigte Milla auf die Klappstühle, die sich hinter dem Kassenhäuschen versteckten. »Und wie wäre es mit einer Tasse Tee?« Sie kramte ihre Thermosflasche aus dem Stoffbeutel und hielt sie einladend in die Höhe.

Aber Mr Smith schien nicht bereit, ihr so schnell zu vergeben. Mit Trippelschritten – er war wirklich sehr klein – durchmaß er den Raum, der zusammen mit allen noch folgenden des Museums Millas liebster Platz auf der Welt waren. Doch im Gegensatz zu Milla, die jeden Abend voller Begeisterung vor der Tonstatue des Osiris und dem Pappmachénachbau eines Tempels aus der Uruk-Zeit stehen blieb, schien er weder das eine noch das andere wirklich wahrzunehmen. So wenig wie den wunderbaren Duft