Kapitel 1
Juniper
»Das hier wird ein Sommer, den wir niemals vergessen werden.«
»Klingt verdächtig nach den letzten Worten, bevor eine Katastrophe eintritt, wenn du mich fragst.« Ich spielte unruhig am rosafarbenen Lack meines Daumennagels herum, der bereits angefangen hatte, leicht abzublättern, während mein Blick zu meiner besten Freundin Ashley hinüberglitt, die uns in ihrem Mercedes Cabrio geradewegs über den Long Island Expressway in Richtung Hamptons chauffierte. Die elegante Sonnenbrille mit den goldenen Details hatte sie lässig in ihren voluminösen Afro geschoben. Sie war eine der energiegeladensten – okay,die energiegeladenste – und zugleich disziplinierteste Person, die ich kannte, und sie erinnerte mich viel zu oft an einen meiner Lieblingscharaktere aus all den Serien, die ich in meinen zweiundzwanzig Jahren schon gebinged hatte: Donna ausSuits. Als würde nichts und niemand sie jemals aus dem Konzept bringen.
»Ich kann immer noch nicht fassen, dass du es geschafft hast, mich zu überreden. Wäre ich den Sommer über in New York geblieben, hätte ich vermutlich jeden einzelnen Tag mit einem Buch im Central Park verbracht. Tagein, tagaus.« Ich drehte den Song von Gracie Abrams etwas leiser, der uns um die Ohren wirbelte. Mein Sommer wäre ziemlich unspektakulär und eintönig geworden ohne meine beste Freundin. Ein Glück, dass ich für einige Wochen raus aus der Stadt war. »Du bist dir ganz sicher, dass es klargeht, wenn ich deiner Familie den Sommer über auf die Nerven gehe? Auch wenn wir jetzt schon seit einem Jahr befreundet sind, habe ich deine Familie ja noch gar nicht kennengelernt. Könnte ja sein, dass sie es komisch finden, wenn ich dabei bin.«
Ashley winkte schnaubend ab. »Ganz im Gegenteil. Meine Familie wird, wenn, danndir auf die Nerven gehen. Mom wird alle Hebel in Bewegung setzen, damit du dich wohlfühlst und viel von ihr hältst, glaub mir. Das ist das oberste Gebot der Thornbury-Familie.« Als sie leise seufzte, überkam mich das Gefühl, dass es eher Ashley nervte, dass ihre Familie anscheinend so auf ihre Außenwirkung bedacht war. Zwar hatte ich Ash in New York mit ihrem gepflegten Äußeren und dem tollen Apartment Nähe des Central Parks als wohlhabend kennengelernt, doch ihre Herzlichkeit, ihr Humor und ihre Hilfsbereitschaft machten sie zu einer sehr bodenständigen Person. Auch wenn ich am Anfang noch zurückhaltend gewesen war, hatte ich sie sehr schnell in mein Herz geschlossen.
Mit jedem weiteren Sonnenstrahl, der durchs offene Verdeck meine nackte Haut kitzelte, brachten wir immer mehr Meilen zwischen uns und New York City, wo wir die letzten Monate zwischen Buchdeckeln und den Vorlesungssälen der Columbia University gefangen gewesen waren. Der nächste Song, diesmal einer vonSZA, scholl durch den Lautsprecher, und ich spürte, wie ein Gefühl von Freiheit und Verheißung alles in mir in Beschlag nahm. Ich atmete tief durch, sog die sanfte Brise ein, während wir über den Expressway brausten. Eigentlich hatte ich Ashleys Einladung, den Sommer über im Anwesen ihrer Familie in den Hamptons zu verbringen, ablehnen wollen. Okay, zuerst hatte ich das auch wirklich getan, doch wer Ashley kannte, wusste auch, wie hartnäckig sie sein konnte, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Da sie meine beste Freundin war, konnte ich ihr sowieso so gut wie nichts ausschlagen, obwohl mich dieser Sommer eine riesige Überwindung gekostet hatte. Ich wollte mich niemandem aufdrängen. Schon gar nicht einer wildfremden, reichen Familie. Da passte ich mit meinen hundert Dollar auf dem Konto perfekt rein und würde sicher überhaupt nicht herausstechen, wenn ich dort meine Klamotten von American Eagle trug. Und das auch noch den ganzen restlichen Sommer über. Acht Wochen. Doch konnte ich nicht leugnen, dass in mir eine gewisse Vorfreude brodelte. Immerhin hatten sich Ashleys Erzählungen nach sehr viel Spaß angehört, und ich konnte es kaum erwarten, eine