: Marianne Ludes
: Trio mit Tiger Roman. Der erste Roman über Max und Mathilde Beckmann.
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641319250
: 1
: CHF 17.10
:
: Erzählende Literatur
: German
: 448
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das Künstlerpaar Beckmann im Amsterdamer Exil - Roman einer großen Liebe und einer schwierigen Freundschaft

Amsterdam, 1942: Schon fünf Jahre, seit der Propagandaausstellung »Entartete Kunst« in München, leben Max Beckmann und seine Frau Mathilde, genannt Quappi, im Exil. Bei Treffen mit Freunden und Ausflügen ans Meer versucht das Paar zu vergessen, dass ihnen Holland seit dem Einmarsch der Deutschen kaum noch Ruhe und Auskommen bietet. Besonders Max setzen die ständige Unsicherheit und Beschneidung der persönlichen Freiheit zu, doch Quappis Zuversicht und Organisationstalent ermöglichen weiterhin sein Schaffen. Unterstützung erfährt Max auch durch die Bekanntschaft mit einem mysteriösen Deutschen, dem Kunsthistoriker Erhard Göpel, der für die »Sonderkommission Linz« tätig ist. Er soll Bilder für ein von Hitler geplantes Kunstmuseum zusammentragen. Göpel ist glühender Verehrer Beckmanns und zu jeder, selbst illegaler Hilfeleistung bereit. Kann das Ehepaar einem Nationalsozialisten trauen? Während sich Göpel immer häufiger mit den Machtinstrumenten der Nazidiktatur konfrontiert sieht, wächst die Bedrohung für die Beckmanns und ihre jüdischen Freunde.

Kundig, unterhaltsam und spannend erzählt Marianne Ludes aus dem Leben des berühmten Künstlerpaars: von inniger Liebe, Quellen schöpferischer Inspiration und einer eigenwilligen Freundschaft, die historisch verbürgt ist. Ludes hatte exklusiven Zugriff auf die bislang unveröffentlichten Tagebücher Mathilde Beckmanns und zeichnet das lebendige Porträt einer klugen, tatkräftigen Frau unserer Zeit.

Marianne Ludes hat nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften gemeinsam mit ihrem Mann ein großes Architekturbüro aufgebaut. 2023 gründeten sie die gemeinnützige Stiftung Ludes. Daneben engagiert sich Marianne Ludes ehrenamtlich im kulturellen Bereich, insbesondere für das Literatur Festival Potsdam und die Staatsoper Unter den Linden. Für die Recherchen zu ihrem ersten literarischen Roman »Trio mit Tiger« standen Ludes die unveröffentlichten Tagebücher von Quappi Beckmann zur Verfügung. Außerdem erschien von ihr bisher: »Ludwig Jacobs – oder das verschwundene Leben« (Hanser Verlag, 2021). Marianne Ludes lebt in Potsdam.

Kapitel 1

Amsterdam, 10. Dezember 1941

Gestern traf Piz in der Stadt ein, kaum zu glauben, und als Erstes wird sie hier vorbeikommen! Das ist doch schön! Sie will sich morgens noch ausruhen, dann aber zum Kaffee erscheinen. Ob sie sich sehr verändert hat?

Ich erinnere mich an Heddas Hochzeit in München, 1925, das ist lange her. Hedda und Toni haben Faschingssamstag geheiratet, und wir waren alle schrecklich ausgelassen. Piz war der kleine Pirat, ich die Ponyreiterin. Ja wirklich, ich hatte mir aus weißem, geflecktem Plüsch ein Kostüm geschneidert, ich steckte in zigarettendünnen Pferdebeinchen, unten hatte ich Hufe angeklebt. Das Pferdehinterteil trug ich mit mir herum, und gleichzeitig sah es so aus, als säße ich in einem Sattel. Vor mir der Ponykopf, mit langer weißer Mähne und echter Ledertrense.

Wochenlang hatte ich heimlich an dem Pappmachékostüm gearbeitet. Vielleicht habe ich doch ein wenig Talent von Papa geerbt, ich weiß es nicht. Ich wollte jedenfalls, dass alles täuschend echt aussieht, allein den Rumpf habe ich dreimal neu gemacht. Als ich das Kostüm dann anzog, passte es genau.

Hedda hat im Februar geheiratet, aber es war schönes Wetter, die Sonne strahlte, der Föhn hatte vorfrühlingshafte Wärme geschickt. Das war ein gutes Omen, alle waren bester Stimmung. Sie sah wunderschön aus in ihrem Hochzeitskleid, so glücklich und voller Vorfreude. Sie trug Brüsseler Spitze, in Crème, auf ihrem dunklen Haar schien es wie Raureif.

Piz in ihrem Piratenkostüm wirkte verwegen, mit Augenklappe und kleinem spitzem Degen. Wir hatten die Kostümierung verabredet, nicht einmal Hedda hatten wir eingeweiht. In Münchenmuss man Fasching feiern, selbst bei einer Hochzeit. Wir waren zwanzig. Da ist man ausgelassen. Eine große Überraschung sollte es werden. Als ich das Kostüm endlich angezogen hatte und mit Piz an meiner Seite leise Richtung Veranda schlich, fühlte ich mich auf einmal so pferdehaft, dass ich durch den Garten galoppieren musste. Ich wieherte und schnaubte, warf den Kopf und bettelte um Zucker. Mutter missfiel das, ich konnte sie zwar nicht sehen, aber ich wusste es. Die Piz-Piratin stellte sich mir in den Weg, als wolle sie mich einfangen, ich aber trabte an ihr vorbei. Sie lachte laut, rief immer wiederHohoho, mit verstellter Stimme, ganz tief. Als sie sah, dass alle auf mich schauten, überlegte sie es sich anders, stellte sich mit ihrem roten Federhut in die Mitte der Rasenfläche und feuerte mich an, als sei sie jetzt mein Dompteur – als müsste ich auf ihr Kommando hören. Wir gaben wohl ein albernes Bild ab, gar nicht hochzeitshaft, aber Hedda lachte nur gutmütig und klatschte in die Hände. Mit einer kleinen Reitgerte, die ich mir von meinem frischgebackenen Schwager geborgt hatte, schlug ich mir selbst auf mein Pappmachéhinterteil, wieherte und bockte gleichzeitig, bis ich vom Laufen und Galoppieren ganz außer Atem war.

Mutter stand abseits und blickte Hedda auf diese besondere Art an, ohne eine Miene zu verziehen. Seit Papa nicht mehr da war, erwartete sie von Hedda, dass sie alles regelte. Ich tat, als bemerkte ich das nicht, und raste weiter durch die Runde.

In Wirklichkeit sah ich nur einen. Max stand am Rasenrand, daneben der Bräutigam und irgendwelche jungen Männer, die ich in der Aufregung nicht erkannte. Max feuerte Piz an und beachtete mich nicht. Pizchen, die Dunkle, die Wilde, die gefährliche Piratenbraut. Bravo, rief er und klatschte in die Hände. Und ich spürte plötzlich einen Stich im Magen. Endlich blieb ich stehen. Piz und ich fielen uns in die Arme vor lauter Lachen. Ihr Haar hatte sich gelöst, hing ihr wirr ins Gesicht. Unter ihrer Augenklappe war die Schminke verschmiert, und wie ich aussah, wollte ich lieber gar nicht wissen.

Die Herren umringten Piz, boten ihr eine Erfrischung an, machten auch manche Bemerkung über ihren kleinen Degen. Insgeheim war ich etwas eifersüchtig. Ein albernes Pferdchen hatte ich abgegeben. Dabei war mir die Idee so originell vorgekommen. Mutter war hineingegangen, ich wusste, dass sie mich hinterher schelten würde. Mir war das egal. Und Piz war mir auch egal, denn auf einmal kam Max auf mich zu, für den ich das ganze Schauspiel eigentlich inszeniert hatte, streichelte über meine Mähne und redete leise und beruhigend auf mich ein, ruhig Brauner, hoo, braves Pferdchen, so etwa. Und dann bot er mir einen Apfel an, hob gespielt streng den Finger, als ich ihn nehmen wollte, und ermahnte mich, der Apfel sei für das Pferdchen, ich müsse ihn mit den Zähnen aus seiner Hand nehmen. Dabei blickte er mir so tief in die Augen, dass ich dachte, er sieht