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Heute haben die Bittners Essen bestellt. Ein hart schuftender, in der Scheinselbstständigkeit verhafteter und verkehrsbedingt leicht verspäteter Kerl trägt Pizzen ins oberste Stockwerk. Thomas öffnet und gibt Trinkgeld. Das finden wir angemessen. Häufig kommen Fahrradkuriere und Paketboten zu uns, und wir wissen, wer geizt, nachdem der ein oder andere schwer beladen durch Hitzewarnung oder Minusgrade und gefrorenen Schneematsch gestrauchelt ist, um die Ente süß-sauer noch warm zu überreichen. An solche Arbeitsbedingungen denkt Thomas nicht, während er sein Portemonnaie verstaut – Kunstleder, ein thermoplastisches Polymer verkettet aus Vinylchlorid –, nein, Thomas möchte einfach nicht, dass die Kuriere sich seinen Wohnort als geizigen Haushalt merken.
Er trägt die Pizzen in die Küche, legt den Stapel auf die Arbeitsfläche und reicht Martina den kreisförmigen Schneider. Während ihr Mann sich für einen Moment zurückzieht, mischt Martina aus Gewürzen, Schmand, Mayonnaise und Knoblauch noch einen Dip für den Rand und schneidet die Pizzen in gleichmäßige Stücke, die sie auf im Ofen vorgewärmte Teller verteilt.
Nele deckt den Tisch, faltet hastig Papierservietten und platziert sie auf Tellern. Immer wieder starrt sie kurz auf ihr Handy und stirbt innerlich, weil Laura nicht antwortet. Den Blick ihrer Mutter bemerkt sie nicht, ist ganz bei Laura, zupft an einer Serviette und legt sie schließlich einfach hin. Balu wittert sein nahendes Abendessen und streift umher, sich fragend, wann er wieder gekrault wird. Nele sieht zu ihrer Mutter, die ein paar Kräuter auf den Dip streut. Martina drückt den Rücken durch, schließt einen Moment die Augen und atmet tief ein. Als sie bemerkt, dass Nele sie ansieht, lächelt sie, klatscht in die Hände und sagt »So!« und deutet fragend auf Balu.
Nele huscht an ihrer Mutter vorbei, füllt die Futterschale des Hundes auf, fährt ihm über die Ohren und denkt an ihre Hausaufgaben. Deutsch, Erdkunde, Geschichte, da hat sie nichts auf, aber lernen muss sie, Physik, Laura aus dem Weg gehen, Stand jetzt, Besteck verteilen, Chemie, mit Balu vor die Tür gehen, weinen, das neueBTS-Album hören, Frauenarzt, Wäsche waschen, Englisch, das Fake-Bewerbungsgespräch am Ende der Berufsschnupperwoche, das echte Bewerbungsgespräch am Ende des Schuljahres, wenn Nele endgültig vom Gymnasium fliegt und mit mittlerer Reife durchkommen muss, Mathe, Geburtstag feiern! Sechzehn werden ist anstrengend, jeden Morgen wirft der Hormonhaushalt eine Münze, und mit Glück landet diese nicht auf der falschen Seite. Münzen werfen, jeden Morgen Münzen werfen. Einkaufen, Bad putzen, mit Mama ums Taschengeld verhandeln, Kunst, es ist derbe Oberstufe, wenn du Kunst-Hausaufgaben hast, Politik-Wirtschaft, Zukunft, einen Plan machen, nicht verhungern, nicht verdursten, vielleichtFSJ und dann Abendschule bis zum Abi, Biologie, die Blutuntersuchung, vielleicht heimlich kiffen, Führerschein, Segelschein, Latein. Das Heft ist voll mit Aufgaben, und wenn sie über den Rand der Seite blickt, wartet da die Unendlichkeit eines Kreislaufs, die Zukunft, die Arbeitswelt, Steuern und Einsamkeit. Warum hat Nele Laura bloß kommentarlos ein Video von zwei kuschelnden Hunden geschickt, denn solche Leute sterben natürlich alleine, das Deutsch-Referat, ein Rettungsring als Ausgleich für die Feh