: Henrik Szántó
: Treppe aus Papier
: Karl Blessing Verlag
: 9783641337148
: 1
: CHF 5.40
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: Erzählende Literatur
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Geschichte eines Hauses und der Menschen, die es bewohnen: von der NS-Zeit bis heute, von Leben, Verantwortung und Erinnerung

Das alte Haus erzählt. Denn seine Mauern, Dielen und Ritzen bewahren die Erinnerungen an alle Menschen, die es jemals bewohnt haben. Schon als Kind hat Irma Thon mit ihren nazitreuen Eltern im ersten Stock gelebt. Während die 90-Jährige zurückblickt und immer wieder an die kleine Ruth Sternheim von damals denken muss, erfreuen sie die Gespräche mit Nele Bittner aus dem Vierten. Die Schülerin lernt für eine Geschichtsklausur und beginnt zu verstehen, dass die Vergangenheit nicht vergangen ist, sondern nur wenige Stufen entfernt.

»Szántós Sprache fließt durch dieses Haus und durch die Zeiten, klug und voller Details. Unbedingt lesen!« Markus Thielemann

»Dass die Echos der Geschichte überall sind, wenn man nur hinhört, zeigt dieser originelle Roman.» Raphaela Edelbauer

Henrik Szántó, geboren 1988, ist halb Ungar, halb Finne und lebt als Autor und Moderator in Hannover. Als Spoken Word-Künstler bespielt Szántó Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum. Seine bisherige Arbeit wurde mit Stipendien gewürdigt. Als Referent hält Szántó Seminare zu poetischem und kreativem Schreiben, Auftritt- und Vortragssicherheit und bereitet Bühnen für neue und arrivierte Stimmen. Die Kernthemen seiner Arbeit sind Mehrsprachigkeit, Erinnerungsarbeit und kulturelle Vielfalt.

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Heute haben die Bittners Essen bestellt. Ein hart schuftender, in der Scheinselbstständigkeit verhafteter und verkehrsbedingt leicht verspäteter Kerl trägt Pizzen ins oberste Stockwerk. Thomas öffnet und gibt Trinkgeld. Das finden wir angemessen. Häufig kommen Fahrradkuriere und Paketboten zu uns, und wir wissen, wer geizt, nachdem der ein oder andere schwer beladen durch Hitzewarnung oder Minusgrade und gefrorenen Schneematsch gestrauchelt ist, um die Ente süß-sauer noch warm zu überreichen. An solche Arbeitsbedingungen denkt Thomas nicht, während er sein Portemonnaie verstaut – Kunstleder, ein thermoplastisches Polymer verkettet aus Vinylchlorid –, nein, Thomas möchte einfach nicht, dass die Kuriere sich seinen Wohnort als geizigen Haushalt merken.

Er trägt die Pizzen in die Küche, legt den Stapel auf die Arbeitsfläche und reicht Martina den kreisförmigen Schneider. Während ihr Mann sich für einen Moment zurückzieht, mischt Martina aus Gewürzen, Schmand, Mayonnaise und Knoblauch noch einen Dip für den Rand und schneidet die Pizzen in gleichmäßige Stücke, die sie auf im Ofen vorgewärmte Teller verteilt.

Nele deckt den Tisch, faltet hastig Papierservietten und platziert sie auf Tellern. Immer wieder starrt sie kurz auf ihr Handy und stirbt innerlich, weil Laura nicht antwortet. Den Blick ihrer Mutter bemerkt sie nicht, ist ganz bei Laura, zupft an einer Serviette und legt sie schließlich einfach hin. Balu wittert sein nahendes Abendessen und streift umher, sich fragend, wann er wieder gekrault wird. Nele sieht zu ihrer Mutter, die ein paar Kräuter auf den Dip streut. Martina drückt den Rücken durch, schließt einen Moment die Augen und atmet tief ein. Als sie bemerkt, dass Nele sie ansieht, lächelt sie, klatscht in die Hände und sagt »So!« und deutet fragend auf Balu.

Nele huscht an ihrer Mutter vorbei, füllt die Futterschale des Hundes auf, fährt ihm über die Ohren und denkt an ihre Hausaufgaben. Deutsch, Erdkunde, Geschichte, da hat sie nichts auf, aber lernen muss sie, Physik, Laura aus dem Weg gehen, Stand jetzt, Besteck verteilen, Chemie, mit Balu vor die Tür gehen, weinen, das neueBTS-Album hören, Frauenarzt, Wäsche waschen, Englisch, das Fake-Bewerbungsgespräch am Ende der Berufsschnupperwoche, das echte Bewerbungsgespräch am Ende des Schuljahres, wenn Nele endgültig vom Gymnasium fliegt und mit mittlerer Reife durchkommen muss, Mathe, Geburtstag feiern! Sechzehn werden ist anstrengend, jeden Morgen wirft der Hormonhaushalt eine Münze, und mit Glück landet diese nicht auf der falschen Seite. Münzen werfen, jeden Morgen Münzen werfen. Einkaufen, Bad putzen, mit Mama ums Taschengeld verhandeln, Kunst, es ist derbe Oberstufe, wenn du Kunst-Hausaufgaben hast, Politik-Wirtschaft, Zukunft, einen Plan machen, nicht verhungern, nicht verdursten, vielleichtFSJ und dann Abendschule bis zum Abi, Biologie, die Blutuntersuchung, vielleicht heimlich kiffen, Führerschein, Segelschein, Latein. Das Heft ist voll mit Aufgaben, und wenn sie über den Rand der Seite blickt, wartet da die Unendlichkeit eines Kreislaufs, die Zukunft, die Arbeitswelt, Steuern und Einsamkeit. Warum hat Nele Laura bloß kommentarlos ein Video von zwei kuschelnden Hunden geschickt, denn solche Leute sterben natürlich alleine, das Deutsch-Referat, ein Rettungsring als Ausgleich für die Feh