Audienz bei der Direktorin
Es war immer aufregend, wenn ich ins Büro der Schulleiterin gerufen wurde. Meistens war der Anlass harmlos, denn ich war eine Musterschülerin und ließ mir so gut wie nie etwas zuschulden kommen. Trotzdem hatte ich jedes Mal schreckliches Herzklopfen, denn Mrs Colleen Harper war einfach eine Respektsperson. Sie wurde nie besonders laut, und ich hatte auch kein einziges Mal erlebt, dass sie jemanden so richtig zur Schnecke machte. Aber sie konnte ihre Wünsche und Forderungen mit sanftem Nachdruck durchsetzen.
Viola und ich gingen die langen Flure entlang. Durch die Spitzbogenfenster fiel die sommerliche Abendsonne und malte orangefarbene Flecken auf den gefliesten Boden. Unsere Schritte hallten im Gang.
Es gab Abkürzungen im Schloss, aber ich hatte nicht vor, sie Viola schon an diesem ersten Tag zu zeigen. So gingen wir den offiziellen Weg über die breite Treppe, bis wir die Eingangshalle im Erdgeschoss erreichten. Von dort aus bogen wir nach links ab. Das Büro der Schulleitung befand sich gleich neben dem Sekretariat. Auf den Bänken im Gang saßen einige Eltern mit ihren Söhnen und Töchtern. Ein Mädchen sah verweint aus und klammerte sich an ihre Mutter.
Viola rümpfte die Nase und wollte gleich an die Tür der Schulleitung klopfen, doch ich hielt sie zurück.
»Nein, wir müssen genauso warten wie die anderen.«
»Ich auch?«, fragte Viola entrüstet und sah mich an, als wäre ich ein grünes Mädchen vom Mars mit Antennen auf dem Kopf.
»Ja, du auch!«, sagte ich und verdrehte innerlich die Augen. Was bildete sich Viola ein, wer sie war? Die Königin von England?
Violas Mundwinkel sanken herab. Sie begutachtete die Sitzgelegenheiten (zugegeben, das Holz war schon von den vielen Wartenden abgewetzt) und setzte sich dann vorsichtig auf den äußersten Rand der letzten freien Bank. Hätte sie ihr Desinfektionsspray dabeigehabt, hätte sie es bestimmt benutzt, darauf wettete ich. Ich nahm neben ihr Platz, mit einem guten Meter Abstand.
Wir warteten.
Und warteten.
Der Zeiger der schmiedeeisernen Wanduhr rückte quälend langsam vorwärts. Ab und zu wurde ein Name aufgerufen, dann verschwand wieder eine Familie in einem der Büros. Manchmal hörte man undeutliches Gemurmel hinter den dicken Türen, zu verschwommen, um ein Wort zu verstehen. Nach einer Stunde hatte sich die Zahl der Wartenden halbiert, aber ich hatte das Gefühl, dass wir noch bis übermorgen auf dieser Bank sitzen würden.
Viola schien ähnliche Gedanken zu haben. Plötzlich sprang sie auf, und bevor ich eingreifen konnte, stürzte sie zu Mrs Harpers Tür und riss sie auf.
»Es ist eine Frechheit, mich so lange warten zu lassen!«, rief sie, ungeachtet der Tatsache, dass die Schulleiterin gerade mit einem Vater im Gespräch war.
Ich zuckte zusammen, und in meine Wangen schoss das Blut. Zum ersten Mal in meinem Leben verstand ich, was der BegriffFremdschämen bedeutete. Viola hatte mit ihrem Benehmen eindeutig eine Grenze überschritten. In dieser altehrwürdigen Schule galten Regeln