Kapitel 2
Die harte Fußbank in der Kirche des Männerklosters Admont übte einen unangenehmen Druck auf Pater Anselms Knie aus. Auf die Eröffnung des Priors bei der Komplet, dem lateinischen Nachtgebet, »Ajutorium nostrum in nomine Domine – Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn«, antwortete er mit den anderen Mönchen in monotonem Singsang: »Der Himmel und Erde erschaffen hat«.
In der kurzen Pause des Schweigens und der Selbstbesinnung schweiften seine Gedanken ab. War es richtig, das Kloster zu verlassen und sich dem Heer der Kreuzfahrer anzuschließen? Aber musste nicht auch er, wie alle verantwortungsvollen Christen, dem Aufruf Papst Eugens III. folgen, der in seiner Bulle dringend zum Kreuzzug aufgerufen hatte? Er fragte sich, ob es nicht eher seine Berufung war, ein einfaches Leben im Kloster zu führen. Doch gegen seinen eigenen leidenschaftlichen Wunsch, der Aufforderung des Papstes zu folgen, hinauszuziehen, die Welt zu sehen und das Heilige Land von den Heiden zu befreien, kam er einfach nicht an.
Deus lo vult! Gott will es! Das war schon der Wahlspruch Papst Urbans zum ersten Kreuzzug gewesen. Und er hatte Wirkung gezeigt. Die Christen hatten Jerusalem von den Heiden befreit und ihre Kolonien im Heiligen Land errichtet. Aber jetzt hatte Gott die Sünden und Gräueltaten der ersten Kreuzfahrer bestraft, die dreitausend Einwohner von Jerusalem niedergemetzelt hatten. Edessa war ihnen wieder fortgenommen worden! Er horchte in sich hinein und fühlte den Ruf, Jesus nicht nur in der abgeschiedenen Stille des Klosters zu dienen, sondern auch für ihn zu kämpfen. Oder zu sterben. Nicht mehr länger im Kloster Lobpreisungen zu Gottes Ehre zu singen, sondern edle und große Taten zu vollbringen und – wenn es sein musste, auch zum Märtyrer zu werden! Das Blut brauste bei diesen Gedanken ungeduldig durch seine Adern, und er hätte sich am liebsten auf der Stelle aufgemacht.
Aber dazu mussten noch viele Vorbereitungen getroffen und ein Plan erstellt werden. Es gab zwei Möglichkeiten, nach der Überquerung der Alpen ins Heilige Land zu kommen – entweder zu Land oder übers Meer. Wie er gehört hatte, wollte das Heer zusammen mit den Nichtkombattanten – einer Mischung aus Freiwilligen, Frauen und Kindern – den Landweg an der Donau entlang über Kleinasien nehmen. Dies schien ihm allerdings nicht ungefährlich und ziemlich beschwerlich. Eine Gruppe Adeliger und Ritter mit ihrer Hofgesellschaft und einigen Frauen zog es daher vor, in Venedig Schiffe zu mieten, mit denen sie bequemer und schneller ans Ziel gelangen würden. Graf von Torro Delcanto, ein weitläufiger Verwandter von Anselms Mutter, der in Venedig lebte, hatte ihm zu dieser Möglichkeit geraten und zugesagt, ihm bei allem, was er brauchte, behilflich zu sein.
Auch Anselm schien dies zunächst vernünftiger, als in der Menge des Heeres mitzuziehen, das überall verpflegt werden musste. Doch dann überlegte er es sich wieder anders. Er wollte gleich mit dem Heer König Konrads mitziehen – direkt am Puls des Geschehens sein. Eine heilige Erregung, zugegebenermaßen auch mit weltlicher Neugier gepaart, hatte ihn erfasst. Wenn es sein musste, würde auch er das Schwert nehmen und gegen die Heiden kämpfen. Nur musste er erst lernen, es zu schwingen und sich damit zu verteidigen. Was würde er in der Welt wohl alles sehen, wie viele fremde Städte und Orte kennenlernen, wo er vielleicht Menschen bekehren konnte, die noch nie von Jesus gehört hatten! Ihnen das Wort Gottes und das Heil des Paradieses nahebringen, das den wahren Christen erwartete!
Er hatte bereits beim Erzbischof Eberhard von Salzburg angefragt, ob er sich der Gruppe der Adeligen anschließen durfte, die sich zum Kreuzzug gemelde