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EIN BEET AUS BLUMEN
Thomil hatte den langen Rückweg vom Auskundschaften genommen. Wider besseres Wissen schob er die Wolfslederkapuze vom Kopf und hieß die Nadeln des Winds willkommen, während er sich durch die heulende Dunkelheit vorankämpfte. Thomils Götter waren in dieser Kälte, im Schnee genauso wie in den Krokussen, die im gefrorenen Boden schlummerten und das Versprechen von Farbe in sich trugen. Wenn dies die letzte Gelegenheit war, sich von ihnen umfangen zu lassen, wollte er sie auch direkt spüren.
Was noch von Thomils Volk übrig war, kauerte am Ufer des Tiransees. Von Dunkelheit umschlossen wirkte die Gruppe der Caldonnae erschreckend klein vor der sich schier endlos erstreckenden Eisfläche. Thomil war nicht der einzige Späher gewesen, der sich entfernt hatte, um Ausschau nach Schattenwölfen, Schneelöwen und Feinden zu halten, aber er war der letzte, der wieder zur Sippe stieß und ihre Zahl von vierzig vervollständigte – nur vierzig Menschen waren von einer Nation geblieben, die einst zehntausende zählte.
„Keine Gefahren“, sagte Beyern, als Thomil ihn passierte. Es war keine Frage. Der Hauptjäger las alles, was er wissen musste, an Thomils Körpersprache ab.
Da das Leben mittlerweile allerorts im Flachland der Kwen schwand, glich das Spähen mehr einer Formalität als einer nötigen Vorsichtsmaßnahme. Sechs Monate waren vergangen, seit die Caldonnae zuletzt einer anderen Sippe begegnet waren, und Jahre, seit Thomil zuletzt einen Schattenwolf gesehen hatte. Die tödlichste Gefahr im Flachland bewegte sich nicht auf Beinen, und selbst der beste Späher der Kwen konnte sie nicht nahen sehen.
„Geh doch zu deiner Familie.“ Beyern nickte zu Maeva und Arras, die sich in der Dunkelheit aneinanderdrängten. „Und setz deine Kapuze auf, du Narr.“
„Jawohl, Onkel.“ Thomil lächelte, zog die Kapuze über die nun tauben Ohren und versuchte nicht darüber nachzudenken, dass dies das letzte Mal sein könnte, dass Beyern ihn zurechtwies.
Maeva sagte nichts, als Thomil sich neben sie hockte. Thomil war nun schon seit einem halben Jahrzehnt größer als seine große Schwester, doch für ihn würde sie immer ein Ort der Zuflucht bleiben, ein warmes Kaminlodern in einer Welt, aus der sämtliche Liebe gewichen war. Sie sah ihm in die Augen und dann schaute sie zu dem Leuchten am anderen Ufer des Sees, lud ihn ein, ihrem Blick zu folgen und ihre Hoffnung zu teilen.
Alles an dem dortigen Land war fremd – die Gebäude höher als jeder Baum, die Türme ragten in den Himmel wie Zähne, das Brausen und Surren von Maschinen in der Luft. Die Stadt Tiran würde niemals Heimat sein, aber sie bot eine Chance auf Überleben.
Ein magischer Schutzschild umgab schimmernd die metallische Metropole und formte einen Dom, der sich von der sonne-schluckenden Bergkette im Westen bis zu den Hügeln im Osten erstreckte. Die grelle Zauberkuppel schützte die Stadtbewohner vor Winter und Feuerbrand – den beiden Hauptursachen dafür, dass die Caldonnae vom Aussterben bedroht waren.
„Bist du bereit?“, fragte Arras, der nur zu gern solche blöden Fragen stellte.
„Nein.“ Thomil war bemüht, nicht zu gereizt auf den Mann seiner Schwester zu reagieren, aber mal im Ernst, wie bereit konnte man sein, wenn einem der fast sichere Tod blühte? Und wenn nicht der Tod, dann grenzen