1. Kapitel
Marielle Maribeau war davon überzeugt, dass man jeden Tag der Woche einer bestimmten Farbe zuordnen konnte. Der Montag zum Beispiel war ein weißes Blatt. Er stand schließlich noch ganz am Anfang der Woche. Der Mittwoch hingegen verlangte eher nach einer kräftigen, gedeckten Farbe, einem Tannengrün oder einem matten Lippenstiftrot, während man sich weiter Richtung Wochenende vorarbeitete. Zum Wochenende hin griff Marielle dann nach den auffälligen Farben in ihrem Schrank. Am liebsten nach ihrem langen gelben Rock, der es schon so manches Mal geschafft hatte, die Sonne hinter den grauen Wolken über Avignon hervorzulocken.
»Mademoiselle?«
Marielle schreckte auf. Schon wieder. Dabei hatte sie sich fest vorgenommen, sich heute nicht beim Träumen erwischen zu lassen. Allzu große Vorwürfe wollte sie sich aber nicht machen. An diesem Morgen war nur eine einzige Kundin in den Laden gekommen.
Sie lächelte die Dame höflich an, die sie angesprochen hatte. Sie trug einen langen dunkelblauen Mantel, der nur wenige Zentimeter über dem Boden endete. Er war voller weißer Katzenhaare, und Marielle musste sich beherrschen, nicht nach dem Fusselroller unter der Theke zu greifen. Ihre Chefin hatte sie bereits darauf hingewiesen, dass es die meisten Menschen nicht schätzten, wenn man sie ungefragt mit einem quietschenden Roller bearbeitete. Marielle fiel diese Beherrschung allerdings schwer. Wenn sie etwas sah, das ihrer Meinung nach Verbesserungspotenzial hatte, überkam sie ein drängendes Gefühl: ein Kribbeln in den Fingerspitzen, das erst dann vergehen wollte, wenn dieser eine Knopf wieder richtig angenäht war oder die Schleife einer Bluse genau dort saß, wo sie hingehörte. Sie verschränkte die Arme hinter dem Rücken.
»Wie kann ich Ihnen helfen?«
Die Kundin deutete auf einen der Kleiderständer, die man mit Müh und Not in den kleinen Raum gequetscht hatte.
»Ich habe da dieses Kleid entdeckt und finde es einfach wunderschön!«
»Magnifique, Madame! Welches denn genau?«
Marielle begleitete die Kundin zu dem Metallständer, wo sie einen Kleiderbügel herauspflückte. Sie hielt ein hübsches Kleid mit roten Punkten in das Licht der Deckenlampe. Marielle konnte sich sogar noch erinnern, wer es damals in den Laden gebracht hatte – und dass die ehemalige Besitzerin bestimmt zwei Köpfe größer und ein paar Zentimeter breiter als ihre jetzige Kundin gewesen war.
»Perfekt für den Sommer!«, verkündete diese gerade. Mit leuchtenden Augen befühlte sie den Stoff des Kleids. »Aber haben Sie es vielleicht ein oder zwei Nummern kleiner?«
Marielle lächelte entschuldigend. »Das wünschte ich wirklich, aber das hier ist eine Second-Hand-Boutique. Jedes Teil, das wir verkaufen, ist ein Einzelstück. Ich kann Ihnen aber gerne dabei helfen, etwas Ähnliches zu finden. Ich glaube, ich kann mich sogar an ein ganz ähnliches Kleid hier irgendwo erinnern …«
Marielle wollte bereits vorangehen, doch die Kundin blieb stehen, wo sie war. Sie hielt das Kleid ein Stück höher, sodass es die untere Hälfte ihres Gesichts verdeckte.
»Können Sie es denn nicht ändern?«
Marielle schüttelte den Kopf. »Leider führen wir in unserem Laden keine Anpassungen durch.« Sie näherte sich einem Kleiderständer am anderen Ende des Raums. »Aber ich bin mir sicher, wir haben ein ähnliches Modell hier …«
Sie begann mit flinken Fingern einen Kleiderbügel nach dem anderen zur Seite zu schieben. Sie war so in ihre Mission vertieft, dass sie erst aufblickte als sie das helle Klingeln der Ladenglocke hörte.
»Aber Madame …«
Die Frau hatte das Kleid auf die Ladentheke gelegt und war gegangen. Anscheinend hatte es für sie wirklich genau dieses Teil oder gar keines sein sollen. Marielle sah ihr etwas enttäuscht durchs Schaufenster nach. Über ihrem rechten Unterarm hingen noch die alternativen Kleidungsstücke, die sie herausgesucht hatte. Nun, sie konnte die Reaktion der Dame nachvollziehen. Wer kannte nicht dieses Gef