2.
Vier schwer bewaffnete Männer huschten durch den Bukoleon-Palast.
»Bist du sicher, dass er hier ist?«, fragte der erste.
»Der Spion war sich sicher«, erwiderte der zweite.
»Hauptsache, irgendwer ist sich sicher«, knurrte der dritte.
»Jedenfalls ist es nicht sicher, hier länger zu bleiben als unbedingt nötig!« Die Stimme des vierten Mannes klang ein wenig dumpf, als käme sie unter einem Eimer hervor.
Vor wenigen Minuten hatten sich hier im Palast zwei Kaiserinnen den französischen Soldaten ergeben und um ihr Leben und das ihres Hofstaates gefleht. Jetzt waren die Plünderer am Werk, rissen seidene Wandvorhänge herunter, schlugen silberne und goldene Leuchter in Stücke, zerrissen Bücher und schnitten die Edelsteine aus ihren Buchdeckeln. Statuen aus Alabaster zersprangen auf dem Boden, kunstvoll bemalte Wandschirme lagen in Fetzen, Mobiliar mit Intarsien aus Elfenbein und Ebenholz wurde zerschmettert. Draußen erklang das Geheul des entfesselten Mobs – der französischen und venezianischen Soldaten, die die Stadt vergewaltigten.
Dies war ein Kreuzzug, ein heiliger Krieg gegen die Dekadenz des byzantinischen Imperiums, das sich eingebildet hatte, die Nachfolge Roms anzutreten. In einem Kreuzzug standen die Guten und Bösen von vornherein fest. Die Bösen waren die anderen. Man musste sich das vor Augen halten, wenn man Zeuge wurde, wie die Guten all das schändeten, was schön und edel war, draußen in den Gassen Frauen, Kinder und Greise erschlugen und die Nonnen in den Klöstern quälten.
Die Gesichter der vier Männer waren grimmig. Sie wichen den Plünderern aus und bahnten sich ihren Weg durch Seitengänge des Palastes. Die Fensteröffnungen ließen den Feuerschein der brennenden Stadt herein. Im roten Licht zuckten die Schatten. Hier und da lagen ganz stille Schatten; wenn man an ihnen vorbeilief, klebten die Stiefelsohlen in erstarrenden Pfützen fest. Trümmerstücke lagen herum, enthauptete Heiligenfiguren, zerbrochene Schmuckwaffen. An den Wänden klebten stinkende braune Schmierstreifen.
Der erste der vier Männer trug ein Schwert an der Seite, einen Dolch und eine Axt im Gürtel. Er war barhäuptig. In einer Hand hielt er statt eines Schildes seinen Helm. Die Kapuze des Panzerhemdes bauschte sich um seinen Hals. Er bog um eine Ecke, prallte zurück, hielt die anderen drei Männer auf und presste sich einen Finger auf die Lippen.
»Was ist?«, hauchte der zweite. Er war drahtig wie ein Windhund und ebenfalls mit einem Schwert bewaffnet. Auf seinem Waffenrock prangte ein golden eingesticktes Kreuz, um seinen Hals hing ein ebenfalls goldenes Kruzifix, und sein Haar war kurz geschnitten wie das eines Geistlichen. In den Knauf seines Schwerts war ein Edelstein eingearbeitet.
»Venezianer«, erklärte der erste Mann. Sein Name war Heinrich von Kalden. Eine Menge Menschen in seiner Heimat wären verblüfft gewesen, hätten sie gewusst, dass er hier war. Heinrich von Kalden war der Hofmarschall des deutschen Königs.
Der zweite Mann hieß Gerold von Waldeck und war Domherr in Freisingen. Er war der Einzige, der so etwas wie ein Wappen auf seiner Tunika trug: das goldene Kreuz. Auf den Kitteln der anderen drei Männer konnte man die fehlfarbenen Stellen sehen, wo sie ihre aufgenähten Wappenzeichen entfernt hatten. Niemand sollte wissen, wer sie waren.
»Der Teufel soll die Venezianer holen«, flüsterte Domherr Gerold.
Nicht n