Kapitel 1
Ich hatte schon immer gewusst, dass meine Stimme eines Tages mein Todesurteil sein würde.
Vermutlich seit dem Tag, an dem meine Eltern in Tränen ausgebrochen waren, als sie mich das erste Mal singen hörten.
Ziemlich sicher, seit sie daraufhin alles in ihrer Macht Stehende taten, um mich aus der Hauptstadt in ein Dorf zu schaffen, das den Namen Gandarra trug.
Und unumstößlich, seit sie ihr Leben opferten, um mich zu schützen.
Trotzdem war ich jetzt, da der Tod auf meiner Schwelle stand, überrumpelt.
Ich wollte noch nicht gehen.
Es war zu früh.
Viel zu früh.
»Gylda Endurian?«, fragte mich ein Gardist mit grollender Stimme. Ein Helm verdeckte einen Großteil seines Gesichts, aber die Aussparungen an den Augen offenbarten das sadistische Glitzern darin.
Gylda.
Ich hatte ihn zwanzig Jahre lang nicht mehr gehört, diesen Namen. Nicht, nachdem meine Eltern all ihr Vertrauen und Vermögen in die Dorfgemeinschaft gesetzt hatten, in der ich aufgewachsen war – als Lysandra Nuviree.
Betont lässig warf ich mir die langen dunkelroten Haare über die Schulter. Ihre Farbe war ebenso wenig echt wie der Name, den ich angenommen hatte.
Rayanne, meine Ziehmutter, hatte mir gezeigt, wie ich das seidige Gold meiner Geburt in Burgunder verwandelte.
Doch meine Haarfarbe würde mich kaum vor dem bewahren, was mir bevorstand.
»Gylda Endurian?«, fragte der Gardist erneut. Die Art, wie er es tat – lauter und drohender als zuvor –, ließ keinen Zweifel daran, dass seine Geduld bald erschöpft war.
Meine letzten Minuten in Gandarra waren angebrochen.
Und ich hatte gewiss nicht vor, sie fügsam zu verbringen.
»So jemanden kenne ich nicht, tut mir leid. Ich heiße Lysandra. Lysandra Nuviree.«
Die Lüge, bereits unzählige Male ausgesprochen, kam mir auch heute erfreulich leicht über die Lippen.
Mein Herz schlug in gewohntem Tempo vor sich hin; verhöhnte die darin eingesperrte, grässliche Angst mit mühsam erlernter Abgeklärtheit.
Etwas, das auch die geschärften Sinne des Gardisten erfassen mussten – und von dem ich mir erhoffte, dass es ihn zumindest ein wenig irritierte.
»Lysandra. Natürlich.« Kein bisschen irritiert, dafür aber durch und durch bösartig, lachte er. Als würde der schneidend kalte Wind mit einstimmen, schickte er sogleich eine Böe an der bulligen Statur des Fae vorbei. »Du kannst dich nennen, wie du willst, Mädchen. Das ändert nichts daran, dass du mich heute in die Hauptstadt begleiten wirst.«
Er deutete mit dem Daumen über die Schulter. Dorthin, wo ein wenig abseits von meiner Hütte der vergitterte Karren stand, vor den er sein riesiges Pferd gespannt hatte.
Wegen des Zaubers, der sich darum wie eine milchige Membran kräuselte, konnte ich nicht sehen, ob sich bereits andere der Gabe Verdächtigte im Inneren befanden.
Stumm flehte ich darum, die Einzige zu sein.
»Aber davon einmal abgesehen«, fuhr der Gardist in süßlichem Tonfall fort, »ist diese Beschreibung hier mehr als eindeutig.« Er wedelte ungeduldig mit dem Stück Pergament, das er in den behandschuhten Fingern hielt. Bisher hatte ich den Blick darauf bewusst vermieden. Jetzt zwang ich mich, hinzusehen. Wie befürchtet, entdeckte ich sofort das königliche Wappen auf der Rückseite des Papiers:
eine Krone, deren mittlerer von insgesamt sieben Zacken eine Rose aufspießte, und davor zwei gekreuzte Zepter, deren Griffe wie Eisblumen geformt waren.
Darunter stand eine Zahl:1738.
Das Jahr meiner Geburt.
Nascania existierte schon länger. Bedeutend länger sogar, wenn man historischen Aufzeichnungen Glauben schenkte. Aber mit der Herrschaft des Winterkönigs hatte eine neue Zeitrechnung begonnen.
Eine von Schnee, Eis und Grausamkeit.
»Gylda Endurian, Tochter von Syra und Reignar Endurian. Menschenstämmige Mutter, Vater ebenfalls von gewöhnlichem Blut. Abgerundete Ohren, keine verlängerten Eckzähne oder sonstigen Fae-Merk