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Madison Dalrymple lehnte sich an die riesige Eiche und kämpfte gegen die Panik an. Cheyenne war zu spät dran. Mehr als zu spät. So war das nicht geplant gewesen. Sie hatten vereinbart, sich spätestens um acht unter der Eiche im Park zu treffen. Aber jetzt war es zwanzig nach acht, und Cheyenne war nicht erschienen, hatte nicht angerufen oder eine Nachricht geschickt, und sie reagierte auch nicht auf Madisons Anrufe und Nachrichten. Hitze und Angst ließen Madison in Schweiß ausbrechen. Das Shirt klebte ihr am Rücken, und die Shorts bauschten sich im Schritt. Das Tütchen Gras, das sie bei dem alten Perversen gekauft hatte, kochte praktisch in ihrer Hosentasche.
Vielleicht war es keine gute Idee gewesen, sich im Park zu treffen, aber Madisons Dad hatte ihnen kaum eine andere Wahl gelassen. Er hatte ihr gestern eröffnet, dass die gesamte Familie ihren Geburtstag beim Feuerwerk verbringen werde, so als wäre es eine Überraschung, über die sie sich tatsächlich freuen müsste. Fünfzehn zu werden war keine so große Sache wie sechzehn, aber dass sie mit ihrem Dad, ihrer Stiefmutter und ihrem quengelnden Halbbruder in den Park geschleift wurde, fühlte sich mehr nach Bestrafung an als nach Fete. Überall waren Mücken und Moskitos. Das Essen war widerlich. Die Bowle schmeckte wie Hustensirup. Mindestens zweihundert Menschen hatten sich auf der Wiese verteilt und planschten im See, während sie auf den Beginn des Feuerwerks warteten. Madison hasste jeden Einzelnen von ihnen.
»Mann, Cheyenne«, murmelte sie, während sie den Blick über all die Vokuhilas und Pudeldauerwellen schweifen ließ, »wo bist du nur?«
Wenigstens ging die Sonne endlich unter. Um zehn Uhr vormittags war die Temperatur auf achtunddreißig Grad geklettert. Der See fühlte sich wärmer an als Badewasser. Ihren Sonnenschutz hatte sie schon vor Stunden weggeschwitzt, ihre Haut kochte. Madison sah, wie die Luft über dem Parkplatz oben auf dem Hügel vor Hitze flimmerte. Die Autos standen dicht an dicht, und entlang des Gehsteigs und der Treppe waren Fahrräder abgestellt worden. Jemand hatte die Parkplatzbeleuchtung ausgeschaltet, denn das Feuerwerk sollte bald beginnen. Die ganze Stadt tat so, als wäre der4. Juli wahnsinnig wichtig, dabei konnte niemand die Verfassung von der Unabhängigkeitserklärung unterscheiden, und wenn das Schulorchester die Nationalhymne spielte, mussten die Leute den Text größtenteils mitsummen.
Der4. Juli war nur ein Vorwand, um zu viel zu essen und zu trinken und dabei zu vergessen, dass sie alle in diesem stinkenden Scheißhaufen von Stadt festsaßen.
Sie umklammerte ihr Handy. Ihre Stiefmutter hatte bereits zweimal angerufen, weil sie auf der Suche nach ihr war, und tat wieder so, als wären sie alle eine große, glückliche Familie, aber Madison wusste, dass Hannah nur eine Schau abzog. Sie spielte sich auch immer so auf, als wäre sie Madisons richtige Mutter. Oder tat so, als ob sie Madison nicht insgeheim hasste. Schlimmer noch, Madisons Dad führte sich die ganze Zeit so auf, als wäre Madison das Problem. Ihre richtige Mutter, seine Frau, war erst seit acht Jahren tot, und er hätte am liebsten vergessen, dass sie je existiert hatte.
»Scheiße«, fluchte Madison.
Sie würde nicht zulassen, dass Hannah ihr alles kaputt machte. Diesmal nicht. Sie schaute wieder auf ihrem Handy nach, wie spät es war. Cheyenne war um genau sechsundzwanzig Minuten verspätet. Madison holte tief Luft und sagte sich, dass sechsundzwanzig Minuten nur ein Klacks waren. Einmal war Cheyenne eine volle Stunde zu spät dran gewesen, und ein fremder Wagen hatte sie vor Madisons Haus abgesetzt. Nicht einmal ein Mustang oder eine Corvette, sondern ein Kombi mit diesen kleinen Aufklebern von Zeichentrickfiguren am Heck: einer Mom, einem Dad, zwei Kindern und einem Hund. Hannah hatte den Wagen nicht gesehen, aber sie hatte wegen des frischen Knutschflecks an Cheyennes Hals ganz auf vorwurfsvolle Stiefmutter gemacht und die Augen zusammengekniffen, als wollte sie sagen:Was bist du bloß für eine Hure.
»Madison?«
»Was?«, japste Madison. Sie fing zu schwitzen an, als ihr klar wurde, dass es