1. Insel der Träume
Fynn Jacob
Es ist unwirklich, nur du und ich allein in der kleinen, einsamen Hütte. Draußen im Dämmerlicht leuchtet eine dünne Schicht frischen Schnees vor den bodentiefen Fenstern. Der Kachelofen strahlt wohlige Wärme in den einzigen Raum aus, neben der Küchenzeile steht der von dir frisch geschlagene, ungeschmückte Weihnachtsbaum. Ich rieche Tannenduft. Auf dem großen Holztisch erinnern die leere Weinflasche und die beiden halb vollen Weingläser an den gestrigen Abend, über der Rückenlehne eines Stuhls hängt, leicht windschief, mein neuer Wollpulli. Noch immer liege ich in deinem Arm, in dem ich zufrieden und erschöpft eingeschlafen bin, meine Hand auf deinem mächtigen Brustkorb, der sich im langsamen Rhythmus hebt und senkt, die Bettdecke über uns. Mein kleines Glück, unverhofft, so schön.
Und ich habe Angst.
»Sie muss sterben.« Du redest im Schlaf. Du wirfst den Kopf hin und her, deine Augen sind geschlossen, aber deine Lippen sind unentwegt in Bewegung, mit fiebriger Geschwindigkeit, leise, fast flüsternd, und mit unbarmherziger Bestimmtheit. »Ich muss es tun. Ich muss sie töten.« Immer wieder.
Zuerst habe ich mir nichts dabei gedacht, dich einfach beobachtet. Ich gebe zu, ich fand es sogar ein bisschen amüsant, einen zwei Meter großen Modellathleten zu sehen, der sich wie ein Baby wälzt, weil er von Albträumen geplagt wird. Ich habe kurz überlegt, mich vorsichtig aus deinem Arm zu winden, um das hier ansonsten nutzlose Handy aus meiner Handtasche auf der Kommode neben der Garderobe zu holen, ein Video von dir aufzunehmen und dich morgen damit ein wenig aufzuziehen. Doch das wäre irgendwie mies gewesen, also bin ich liegen geblieben. Ich wollte dich gerade aufwecken, um dich aus deinen Qualen zu erlösen, da sagtest du wieder etwas. Du hattest dich weggedreht, sodass ich deine Worte und ihre Bedeutung erst nach und nach verstand.
»Es tut mir leid. Maria! Es tut mir leid.«
Ich spüre noch immer, wie das Frösteln meine Wirbelsäule entlangwanderte. Wie ich in der Bewegung erstarrte, den Atem anhielt. Maria. Dieser Name hat alles verändert.
Ich kenne nur eine Maria, und ich weiß, du kennst sie auch. Maria studierte wie ich Biologie, und wie ich hing sie einige Semester hinterher. Braunes Haar und Haarnadeln in genau derselben Farbe. Sie und ich waren nicht unbedingt befreundet, aber wir besuchten abends die gleichen Clubs und gelegentlich auch dieselben Partys. So wie auch letztes Jahr im November, als ich zusammen mit ihr unterwegs war und wir dich kennenlernten. Ich habe dich angesprochen, und sie hat sich zu uns gesellt. Um ehrlich zu sein, hast du dich danach ziemlich schnell nur noch für sie interessiert und sie sich offensichtlich für dich. Später habe ich euch aus den Augen verloren wegen irgendeines Typen, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Zu lange her, ein anderes Leben. Als ich Ende September von meiner Auszeit wieder zurückkam, war Maria nicht mehr da. Nicht auf den Partys, nicht in den Clubs, nicht im Hörsaal. Irgendwann schnappte ich auf, dass sie schon seit Längerem verschwunden war, niemand wusste etwas Genaueres.
Und jetzt das. Hier, mitten in der Einsamkeit dieser Insel irgendwo im südschwedischen Schärengarten. Ihr Name. Maria. Aus deinem Mund.
Langsam, Atemzug für Atemzug, dränge ich die Angst zurück. Keine voreiligen Schlüsse, es gibt für alles eine rationale Erklärung. Du bist der netteste und höflichste Mensch, dem ich je begegnet bin. Mit deinem neckischen Grinsen und den hellblauen Augen, die nicht