: Alfred Neumann
: mehrbuch Verlag
: Die Alchimisten
: neobooks Self-Publishing
: 9783756597963
: 1
: CHF 1.30
:
: Erzählende Literatur
: German
: 250
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'Die Alchimisten' von Alfred Neumann entführt die Leser ins 16. Jahrhundert, wo Alchemisten von der Suche nach dem Stein der Weisen und dem Geheimnis des ewigen Lebens besessen sind. Der Roman beleuchtet die Konflikte zwischen Wissenschaft und Aberglaube sowie die moralischen Dilemmata, die mit menschlichem Ehrgeiz verbunden sind.

Alfred Neumann war ein deutscher Autor historischer und zeitgeschichtlicher Romane

Sebastian mit den Pfeilen


Wettlauf der Lawinen


Die Tambours trommelten. Obwohl in alter Übung gedämpft und so etwas wie salonfähig gehalten, rollte der Wirbel durch das königliche Haus. Die Abgeordneten gewannen im Nu eine respektvolle Aufmerksamkeit, eine gewisse Habtachtstellung ganz wie von ungefähr, aus alter Gewohnheit, und alle fast blickten auf die Doppeltür des Sitzungssaales, die sich öffnete. Dort sahen sie eine Doppelreihe Soldaten, und alle wussten, dass die Gasse der Ehrenkompagnie vom Sitzungssaal bis zur Präsidentschaftsgalerie reichte, die sich auf das Vestibül öffnet. Das war nichts Aussergewöhnliches, das ist vor jeder Sitzung so. Wenn es trommelt, tritt der Präsident des Hauses aus der Galerie in die stramme Ehrengasse, um feierlich und vicekaiserlich seinen Platz einzunehmen. Jetzt betraten zwei Huissiers den Saal, schwarz gekleidet, mit Halskette und Degen und unter dem Arm den zusammengeklappten Hut: die Abgeordneten, die noch nicht standen, erhoben sich. Zwischen zwei Offizieren, gefolgt von den Sekretären des Büros und dem Generalsekretär, kam Morny.

So war es immer, so fürstlich war der Dienstgang des glänzenden Mannes, und dann sass er liebenswürdig auf seinem hohen Stuhl und dirigierte das Orchester mit lockerer Hand. Was hatte sich im neuen Jahrzehnt geändert?

Man sehe sich sein Gesicht an. Man kann nicht sagen, dass er gealtert sei oder die Last der Arbeit zeige, die der grosse Herr nun einmal ohne sichtbare Mühe zu tragen versteht, oder selbst die Last der Sorge, der vielfältigen Sorge. Man kann vielleicht sagen, dass er sich geändert habe wie die Zeit, um die es ihm ja geht, und dass es keine heftige Wandlung sei, aber auch ganz gewiss keine laue. Der Kopf war von so fester und eindrucksvoller Prägung geworden, dass es wie ein Formfehler sein würde, wäre der Schädel nicht nackt bis zum Nacken. Der verstohlene, tiefgerückte und sich doch nicht mehr schliessende Haarkranz, gerade noch über den Ohren modisch sich auflockernd, war nur dazu da, um die beinahe römische Härte des Umrisses in die nachgerade berühmte Silhouette des pariserischsten Freundes des guten Lebens hinüber zu retten. Die Entwicklung trieb zur Deutlichkeit, beinahe zur Übertriebenheit des Physiognomischen: jetzt war es der klarste Kopf und ein überwaches Gesicht geworden, – und es änderte doch nichts an der Ähnlichkeit mit dem Bruder Cäsar, der manchmal schon im Nebel versackte oder hinter den Wolken verschwand. Es war schon so, wie die Welt zu raunen begann und wie es hier im Saal die Mitglieder des Gesetzgebenden Orchesters aus grösserer Nähe sahen: in diesem königlichen Haus regierte das andere, das zweite Gesicht des Imperiums, das fassliche, fraglose und hoffnung