: Ulrike Dorn
: Baustein der Erinnerung
: Vindobona Verlag
: 9783903574939
: 1
: CHF 20.80
:
: Erzählende Literatur
: German
: 282
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Drei Frauen, drei verschiedene Generationen und ein ähnliches Schicksal. Anna-Catharina, Anna-Marie und Sophie verbindet einiges: Sie führen ein einfaches, unspektakuläres Leben, das von Arbeit, häuslicher Gewalt und oft auch Verlust geprägt ist. Sie beginnen schließlich, ihre Lebensgeschichte zu Papier zu bringen, und damit wird nicht nur ein heikles Familiengeheimnis ans Licht befördert. Ein eindrucksvoller Überlebenskampf einfacher Menschen und deren Alltag in verschiedenen Epochen. In diesem historischen Roman wird bewegend über das Leben einer Familie und deren Nachkommen aus der nordhessischen Region im 19. Jahrhundert erzählt, in dem die Frauen mit Überlebenswillen und mit unerschütterlichem Mut nach Sicherheit und Hoffnung für sich und ihre Familie streben.

„Der Herr gibt’s, der Herr nimmt’s“

Für uns verliefen die nächsten Tage wie gewohnt. Die Tiere mussten versorgt werden. Der Eintopf für den nächsten Tag wurde zubereitet und im Garten stand Unkraut jäten und Erde lockern an. Am Abend saßen wir Mädchen und Frauen auch nicht untätig in der Küche. Entweder wurde Wolle gekämmt und gesponnen, oder es wurde genäht, gestopft und die Wäsche wurde gebügelt, gefaltet und „eingesprenkelt“. Oft bereiteten wir etwas für den nächsten Tag vor, manchmal mussten wir auch kleine Reparatur- oder Instandsetzungsarbeiten verrichten, da die Männer in unserem Haus, von sieben bis zehn Uhr abends, in der Wirtschaft arbeiteten. Ab zehn Uhr wurde geschlossen und Opa räumte zusammen mit Caspar die Wirtsstube auf. Manchmal kamen sie erst die Treppe zu den Schlafzimmern hoch, wenn draußen schon der Nachtwächter vorbeikam, dann war es schon elf oder zwölf Uhr in der Nacht. Sobald es am Morgen dämmerte oder unsere große Standuhr in der guten Stube fünf Uhr schlug, standen wir auf, versorgten das Vieh im Stall, brachten die Milch an die Straße und machten ein Feuer im Küchenherd. Wir Kinder waren für das Zubereiten des Malzkaffees und des Haferbreis zuständig. Oma hatte bis dahin den Ofen angeheizt, und im Winter war die Küche schon etwas wärmer als die restlichen Zimmer im Haus. Wenn der Stall fertig, das Nachtgeschirr geleert und gereinigt war und neues Holz in der Küche vor dem Ofen lag, setzten wir uns gemeinsam zum Frühstücken an den Küchentisch. Jetzt waren auch die zwei Kleinen dabei. Nur Vater fehlte normalerweise, er musste sich noch den Rausch ausschlafen und war vor zehn Uhr nicht zu gebrauchen.

Samstag, 25. September 1841

Endlich kam unsere Hebamme, die alte Brede, zu uns. Mutter hatte Blutungen und leichte Unterleibsschmerzen. Sie lag im Bett und wir befürchteten, dass sie das Kind verlieren könnte. Nachdem die Brede Mama untersucht hatte, versuchte sie, uns zu beruhigen und meinte, dass sie während der nächsten Wochen nicht aufstehen sollte und dass sie jeden Tag eine kräftige Hühnersuppe mit einem Ei essen müsse. „Eure Tochter braucht dringend Ruhe und kräftige Nahrung, sie scheint bei dem …“ Sie schaute verlegen auf den Boden, zögerte einen Moment und stammelte: „… Sturz nochmal Glück im Unglück gehabt zu haben!“ Mit sorgenvoller Miene verabschiedete sie sich von Oma und mir und versprach uns, in der nächsten Woche noch einmal vorbeizuschauen. In der kommenden Woche blieb Mama im Bett. Die Blutungen und die Unterleibsschmerzen wurden besser und hörten nach der Bettruhe vollends auf. Noch bevor die Hebamme ein zweites Mal kam, stand Mama wieder auf und ging, mehr schlecht als recht, ihrer Arbeit nach. Oma Käthe, Maria und ich mussten weiterhin die Arbeit von Mama übernehmen. Derweil wurden ihre blassen