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Markus löste eine Eintrittskarte für das Nordbad. Mit seiner handlichen Sporttasche schlenderte er in die Umkleide. An diesem Morgen war das Bad beinahe leer. In der Herrenumkleide war er allein. Das kam ihm gerade recht. Er bevorzugte stets Zeiten geringen Besucherandrangs, um sich in Ruhe seiner Körperpflege widmen zu können. Er tat dies dreimal wöchentlich. In den Ferien mochte er die Stunde nach halb neun. An Schultagen betrat er mit anderenEarlybirds das Bad bereits um halb acht; Schulkindern ging Markus gern aus dem Weg.
Seit seinem Malheur bevorzugte er das Nordbad. In diesem Schwabinger Hallenbad bestand eine geringe Wahrscheinlichkeit, auf ein bekanntes Gesicht zu stoßen. Sein eigenes Outfit war inzwischen so verändert, dass ihn Fremde nicht mehr als den erkannten, der bis vor drei Jahren ein Liebling der Klatschspalten der Lokalpresse gewesen war.
Tempi passati. Die Zeit vergeht, sinnierte Markus.Und das hat auch sein Gutes; immerhin verschwinde ich allmählich aus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Das war ihm mehr als recht, schließlich hatte nicht nur sein krachender Konkurs für Aufsehen gesorgt, sondern auch sein ausufernder Drogenkonsum. Welchem Schutzengel er es verdankte, lediglich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden zu sein, wusste er nicht. Eigentlich glaubte er nicht an Schutzengel. Obwohl Markus mit dem katholischen Pfarrer Adalbert Ascher befreundet war. Dieser spielte im realen Leben seinen Beschützer. Als Markus, mittellos geworden, seine Beiträge für dieHonorarier nicht mehr zahlen konnte, hatte ihn diese ehrenwerte Gesellschaft hinauskomplimentieren wollen, aber Adalbert hatte das verhindert.Adalbert hat mich durchschaut und erkannt, dass ich pleite bin, aber Adalbert wird mich niemals verraten, glaubte Markus, während er sich langsam auszog. Er legte großen Wert darauf, dass außer seinem engsten Freund und Vertrauten Fridolin und Adalbert niemand von seiner Obdachlosigkeit erfuhr. Solange er mit dem Leben im Campingbus in seinem Bekanntenkreis den Eindruck eines geregelten Lebens aufrechterhalten konnte, würde er nicht vollends abstürzen. Hoffte er zumindest.
Nun stellte er sich unter die Dusche und regelte die Temperatur zu einem milden Lauwarm. Er schloss die Augen und seifte sich mit einem Stück Kernseife ein. Die Brause versiegte, als er die Oberschenkel erreichte. Mit geschlossenen Augen arbeitete er sich bis zu den Fußsohlen vor. Die Körperpflege war ihm ein ernsthaftes Anliegen, dem er sich mit aller Sorgfalt widmete. Nur ein gepflegtes Äußeres ließ ihn weiter am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Er durfte sich nicht gehen lassen. Als er sich komplett eingeseift hatte, drückte er den Knopf und genoss den Schauer. Andächtig wusch er sich die Seife von der Haut.
»Da schau her, der Gleißenthaler«, röhrte ein ordinärer Bass.
Markus zuckte vor Schreck zusammen und riss die Augen auf. Neben ihm stand Max Zuböck, ein Stammtischbruder aus dem Hofbräuhaus.
»Was treibt denn dich ins Nordbad?«, fragte Zuböck und schaltete die Dusche neben Markus ein.
»Frühsport«, antwortete Markus gedankenschnell.
»Sauber. Dann können wir ja ein paar Bahnen gemeinsam ziehen«, sagte der Stammtischbruder und musterte unverhohlen Markus’ Unterkörper.
Markus drückte erneut den Duschknopf, konnte die Brause aber nicht mehr genießen. Er hatte keine Badehose. Wenn er mit der Unterhose ins Becken ging, fiel das sofort auf.Verdammt, wie peinlich, ärgerte sich Markus und überlegte fieberhaft, wie er aus der Numme